Dietrich Buxtehude: „Orgelwerke“

Daß die Komposition eines Werkes von „neuen“ Fähigkeiten eines Interpreten initiiert wurde, haben wir in der Neuen Musik immer wieder erlebt. Der Umkehrschluß, daß ein Stück erst entstanden sein kann, wenn eine Aufführungsmöglichkeit besteht, ist so selbstverständlich nicht. Seit geraumer Zeit aber hat die Musikwissenschaft beispielsweise Datierungs-Erkenntnisse daraus ziehen können, daß Dietrich Buxtehude im Herbst 1683 die beiden Orgeln in seiner Lübecker Marienkirche auf die moderne „wohltemperierte“ Stimmung bringen ließ (während vorher „mitteltönig“ gestimmt wurde). Harald Vogel arbeitet nun schon fast ein Vierteljahrhundert gezielt an einer angemessenen Darstellung der Orgelwerke von Buxtehude. Inzwischen kann er die Kompositionen blockweise gemäß der vermuteten Entstehung – „Chromatischeres“ und „extreme“ Tonarten erst nach 1683 – auf in Klang, Intonation wie Stimmung entsprechend restaurierten Instrumenten aufnehmen – dabei auch noch in Tempo, Artikulation, Phrasierung und Registration die ganze Lebendigkeit, Fülle und Farbigkeit historischer Praxis einbringen und sie durch eine technisch vorzügliche Ausstattung der Aufnahmen wirken lassen. (Musikproduktion Dabringhaus und Grimm L 3269/70 – Hülsenweg 9, 4930 Detmold). Heinz Josef Herbort

Alban Berg: „Wozzeck“

Der Mitschnitt einer Live-Aufführung (Juni 1987) bekundet, mit wie viel frappierender Sachkenntnis Claudio Abbado sein bisher ehrgeizigstes Projekt als Wiener Staatsopern-Chef umsetzen konnte. Deutlicher als die Sänger – deren klangliche Ausgewogenheit durch die Bühnenaktionen zuweilen etwas zu kurz kommt – profitieren vor allem die Wiener Philharmoniker wie der Staatsopernchor von den unbestreitbaren Vorzügen der für die Plattenaufnahme benutzten Digitaltechnik. Nie zuvor wurden orchestrale Details und in dichten Geweben überlagerte Klangschichten so sorgfältig hörbar gemacht. Verborgene thematische Verästelungen erscheinen in Abbados Umsetzung transparent, eruptivste Entfesselungen plausibel. Nordische Kühle ist seine Sache nicht, gleichwohl auf Konturen wie Klarheit der Linien bedachtes mediterranes Temperament, Seine Interpretation zielt auf die von Schönberg initiierte atonale kostruktive Dichte, die sich einen üppigen Wohlklang keineswegs versagt. Untadelig bewältigt Franz Grundheber in der Titelpartie die facettenreichen Klippen. Mit der vertrackten Mischung aus Gesungenem und Gesprochenem tut sich Hildegard Behrens (Marie) offenkundig schwerer. Insgesamt eine Aufführung/Aufzeichnung, die über die Vorgänger von Böhm, Boulez und Dohnànyi hinaus Geschichte machen könnte. (DG 423 587) Peter Fuhrmann