Gift bedroht die Gesundheit der Kinder – und so die Gattung Mensch

Von Horst Petri

An einem warmen Tag im vergangenen Sommer ruft mich eine Frau an. Sie sei Kinderrechtlerin. Seit Jahren beschäftige sie sich mit der Vergiftung unserer Kinder durch Schadstoffe. Sie bittet mich um Unterstützung ihres Kampfes. Es sei zum Verzweifeln, wie systematisch das Thema in der Öffentlichkeit vermieden werde. An wen auch immer sie sich gewandt habe, ob an politische Parteien, Umweltverbände oder Kinderschutzgruppen, keiner habe eine Ahnung vom Ausmaß der Gefährdung, von den heute bereits erkannten Gesundheitsschäden, und keiner wolle sich engagieren. Ich höre höflich zu.

Ich merke eine Ungeduld bei mir und möchte das Gespräch beenden. Ich habe keine Lust: nicht schon wieder Kassandra sein. Unsere Studie über die nuklearen Bedrohungsängste von 3500 deutschen Kindern und Jugendlichen (gemeinsam mit K. Boehnke, M. Macpherson und M. Meador) steckt mir noch in den Knochen. Die Kinder hätten gar keine Ängste, hieß es damals, vor vier Jahren: Die alarmierenden Ergebnisse seien durch propagandistische Beeinflussung zustande gekommen; durch sie würden die Ängste erst erzeugt und die seelische Gesundheit der Kinder zerstört.

Währenddessen redet die Frau weiter auf mich ein, kenntnisreich, belesen, aber zu aufgeregt. Sie will mich überzeugen. Man müsse die Kinder mobilisieren, wenn die Erwachsenen taub seien, beispielsweise Massendemonstrationen von Schülern organisieren, denn schließlich stehe ihr eigenes Schicksal auf dem Spiel. Ich muß lachen. Ich blicke in einen Spiegel. Diese Aufgeregtheit, diese bis an die Schmerzgrenze reichende, aufgewühlte Empörung – ich kenne sie nur zu gut. Kassandra. Auch sie ein Opfer des Wahns, sie könne das Unvermeidliche wenden.

Ich sage der Frau, daß ich über die toxische Gesundheitsschädigung von Kindern auch nicht genügend informiert sei; ich läse schon seit längerer Zeit kaum noch Zeitung. Mitten in der Auseinandersetzung mit den Katastrophen unserer Zeit sei mir einmal die krankmachende Wirkung dieser Beschäftigung klar geworden. Nach einer Stunde beenden wir das Gespräch. Ich solle wenigstens den Vorschlag unterstützen, in den geplanten UN-Konventionen über die Rechte der Kinder einen Paragraphen über Umweltgifte unterzubringen. Sie werde mir die Unterlagen schicken.

Nach dem Gespräch fahre ich mit dem Fahrrad durch den Wald. Blauer Himmel zwischen den Kronen der aufragenden Kiefern. Wird hierzulande nicht alles übertrieben? Was ist dran an dem lächelnden Vorwurf des Auslandes über ökologisches Katastrophendenken in Deutschland, an übertriebenen Sicherheitsbedürfnissen? Aber Kassandra ist keine deutsche Erfindung. Und die wissenschaftlich fundierten Studien über Atomängste von Kindern, über kindliche Entwicklungsstörungen durch Schadstoffe stammen fast ausschließlich aus dem Ausland. Bei uns ist es doch nur eine kleine Minderheit, die sich durch Ergebnisse aufregen läßt.