Amerika muß seine Industriekultur von Grund auf erneuern

Von Paul Kennedy

NEW HAVEN. – In Washington und an der Wallstreet regiert eine seltsame Kurzsichtigkeit. Aus dem Weißen Haus kommen Nachrichten, die uns glauben machen wollen, das Haushaltsdefizit werde dieses Jahr beträchtlich reduziert und ungefähr 1993 sogar von einem Überschuß abgelöst werden. Manche Ökonomen erklären beruhigend, die Vereinigten Staaten könnten ihre „strukturellen Defizite“ im Außenhandel mit Japan und der Bundesrepublik einfach dadurch ausgleichen, daß sie diese Länder bewegen, mehr amerikanische Produkte zu kaufen. Die Wirtschaft sei auf dem Sprung in ein goldenes Zeitalter von Wachstum und Reichtum.

Leider liegen zwei große Schatten auf dieser rosigen Vision. Da ist einmal die Politik in Washington. Sehr bald werden wir erfahren, wie Präsident Bush das Haushaltsdefizit von 1989 reduzieren will (um etwa 30 Milliarden Dollar), während er gleichzeitig die Sozialleistungen nicht kürzt, die Steuern nicht erhöht. Für die Spar- und Kreditkrise sowie zur Reinigung verseuchter Atomfabriken muß er zudem zusätzliche Mittel auftreiben und kündigt Neuausgaben an, denn er hat uns ja ein „freundlicheres, sanfteres“ Amerika versprochen. Wenn er alle diese Gegensätze vereinbaren kann, wäre er ein Wundertäter. Aber daran läßt sich nur schwer glauben.

„Strukturelle Defizite“

Dennoch ist das Haushaltsdefizit nicht das entscheidende Problem. Es ließe sich durchaus lösen, wenn sich die amerikanischen Politiker dazu aufrafften, die Steuern für Benzin, Alkohol und Tabak zu erhöhen und den Spitzensatz bei der Einkommensteuer von 28 Prozent auf den nicht gerade repressiven Satz von 35 Prozent anzuheben. Aber ob das je geschieht, muß angezweifelt werden; die Amerikaner haben noch immer gern mehr gefordert, als sie zu zahlen bereit waren.

Die größere Schwierigkeit – und die größere Herausforderung für die Amerikaner, ihren Reichtum und ihre Macht zu erhalten – liegt anderswo. Das läßt sich am besten erkennen, wenn man sich die „strukturellen Defizite“ Amerikas im Außenhandel mit Japan und der Bundesrepublik ansieht. Warum kaufen die Amerikaner so viel mehr Waren von diesen beiden Ländern, als sie imstande sind, ihnen zu verkaufen, selbst bei einem Dollarkurs, der halb so hoch ist wie 1985?