Eigentlich tolle Jungs, diese Hacker: Da sitzen fanatisierte Computerfreaks, manche noch mit Pubertätspickeln im Gesicht, Nacht für Nacht am Bildschirm und sausen mit elektronischen Siebenmeilenstiefeln über Weltmeere und Kontinente, lümmeln sich im Großrechner einer Versuchsanstalt in Pasadena herum, huschen dann wieder durchs Computernetz der amerikanischen Raumfahrtbehörde Nasa oder schnüffeln in der Datenbank eines koreanischen Forschungsinstituts, unerlaubt natürlich und meist auch unbemerkt: Schwarzfahrer auf dem weltumspannenden Streckennetz der Computerkommunikation.

Doch seit Donnerstag vergangener Woche hat die Hackerszene ihre Unschuld und damit auch viel von ihrem Chaoten-Charme verloren. Mehrere Computerfreaks stehen seither unter dem dringenden Verdacht, ihre Geisterfahrten nicht nur zum Spaß, sondern für den sowjetischen Geheimdienst KGB absolviert zu haben: Computerspionage im doppelten Sinn. Seither lastet ein Hauch von Landesverrat über der Szene: Nachdem ein Kreis von 15 Personen über längere Zeit polizeilich observiert worden war, schlugen die Fahnder des BKA in Hannover und West-Berlin zu, Wohnungen wurden durchsucht, dann acht Personen festgenommen. In der Nacht zum Freitag erließ der Ermittlungsrichter beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe Haftbefehl gegen den 35jährigen Computerhändler Dirk Brezinski und einen Computer-Hacker aus Hannover wegen dringendem Spionageverdacht. Die übrigen Verdächtigen, darunter der in der Hacker-Szene als exzellenter Programmierer allseits bekannte 27jährige Martin Hess, wurden freigelassen. Doch die Ermittlungen laufen weiter.

Noch am selben Abend zu später Stunde spulte im Ersten Programm die Panorama-Redaktion des NDR einen bereits fix und fertig geschnittenen Film über diese Hacker-Spionage-Geschichte ab: „Eine Gruppe deutscher Hacker“, so hieß es im Film, sei in die „wichtigsten Rechner der westlichen Welt“ eingedrungen, „um dort sensible Daten und Programme aus militärischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Geheimbereichen zu stehlen“. Für Militärgeheimnisse bedeutsame Namen fielen: Pentagon, Nasa und SDI. Und auch von Passworten, Auswahlnummern und Einstiegscodes war die Rede, die von den Hackern geknackt worden seien: Über die Hacker soll Moskau „Zugänge und Codeworte“ erhalten haben, unter anderem für „die Generalstabsdatenbank OPTIMIS im Pentagon, das SDI-Waffenlabor Lawrence Livermore Laboratory und das Jet Propulsion Laboratory, ein Nasa-Forschungszentrum in Pasadena“.

Die Nachricht schmeckte nach Alarmstufe eins. „Seit Guillaume“, hieß es im Film, sei dieser Daten-Einbruch durch deutsche Hacker der spektakulärste Spionagefall in der Geschichte der Bundesrepublik. Innenminister Friedrich Zimmermann legte am folgenden Tag gleich noch drauf: Die Aufdeckung der Computerspionage durch das Bundeskriminalamt sei „ein schwerer Schlag gegen das KGB“. Ein hoher Beamter des Bundesnachrichtendienstes sah indessen keinen Grund für solche Erfolgsmeldungen, schließlich sei das KGB seit Jahren mit Daten und Programmen, vor allem aber auch mit dem Informatik-Know-how der Knacker ausgestattet worden; jetzt sei der sowjetische Geheimdienst in der Lage, „weltweit in das internationale Computernetz einzubrechen“.

Hatte das KGB für vermutlich knapp 300 000 Mark Honorare den großen Coup gelandet – oder waren die sowjetischen Geheimdienstler in ihrer EDV-Ahnungslosigkeit einigen cleveren Computerfreaks auf den Leim gegaingen, die für ihren allzu üppigen Lebensstil einer zumindest gilt als kokainsüchtig, ein anderer wollte Sportwagen fahren – dringend Geld benötigten? Dies jedenfalls behaupten die Wortführer der Hamburger und Hannoveraner Hacker-Szene.

Vieles spricht dafür. So gab es bis zum Wochenende keinen justiziablen Beleg, daß die Hacker aus US-Datenbanken geheime ( classified) Informationen kopiert und den Sowjets verkauft haben. Die meisten den Sowjets gelieferten Verzeichnisse von Passworten für den Einstieg in US-Computernetze waren seit Jahren in der Hackerszene bekannt. „Wir waren nie Zeugen eines Dateneinbruchs der Hacker in US-Computer“, gestehen die drei Hamburger TV-Journalisten, die den Hacker-Film für den NDR gedreht haben. Sie stützen ihre Behauptungen vor allem auf die Erzählungen der zwei Hauptbeschuldigten: Beide seien – unabhängig voneinander – im vergangenen Spätsommer bei den als Computer-Experten in der Szene bekannten NDR-Journalisten aufgetaucht; jeder der beiden habe gebeichtet, in die Fänge des KGB geraten zu sein. „Die waren beide völlig fertig mit den Nerven und verzweifelt“, erinnert sich Sendeleiter Joachim Wagner an den Auftritt.

Zwar ist die als Panorama-Beitrag in Szene gesetzte Story in vielen wesentlichen Punkten nicht stichhaltig; die Filmemacher phantasieren vom großen Spionage-Coup, bieten aber nur altbekannte Bilder als Beleg. Gleichwohl sind die detailreichen Erzählungen der beiden Hannoveraner nicht erfunden, denn sie fügen sich wie Puzzle-Bausteine in ein Gesamtbild, dessen Umriß seit fast einem Jahr international bekannt ist.