Von Gabriele Venzky

Delhi, im März

Rushdie?“ fragt Yameen Khan und türmt bedächtig die Köpfe frisch geschlachteter Ziegen übereinander. Dann wischt er sich das Blut von den Händen. „Rushdie ist ein shaitan.“ Was das bedeutet, ist auch für den Schlosser Hameed keine Frage: „Der Imam hat Recht, der Satan muß weg“, sagt er und blickt hinüber auf die schwebend leichten weißen Kuppeln, die sich über einer Masse roten Sandsteins erheben. Die Jama Masjid von Alt-Delhi ist die größte und schönste Moschee des Subkontinents, und der quirlige Teil der indischen Metropole ist die größte muslimische Stadt des Landes. Drei bis vier Millionen Menschen leben hier auf engstem Raum.

Mit dem Imam meint der Schlosser Hameed aber beileibe nicht etwa seinen eigenen Imam, den Oberpriester der Großen Moschee, der das vorletzte Freitagsgebet dazu benutzte, seine Gemeinde auf Chomeini-Kurs zu bringen, sondern den Ajatollah im fernen Teheran. Der ist hier in Delhi, wo die meisten Moslems doch Sunniten sind, auffallend präsent, ganz besonders jetzt nach dem Mordbefehl gegen Rushdie. Von dem „satanischen Buch“ haben sie alle gehört. Gelesen hat es freilich auch hier niemand, und daß Indien das erste Land war, das es bereits Anfang Oktober verboten hat, weiß auch niemand. „Man darf sich nicht mit schmutziger Literatur beflecken“, sagen sie hier unten im Schatten der Großen Moschee. „Es reicht, wenn unsere Mullahs das Buch lesen und uns dann sagen, was wir tun sollen.“

„Und den Mullahs folgen wir dann wie die Schafe“, erregt sich Studentenführer Naseer. „Chomeini ist doch nicht Gott, wie kann er sich zum Obersten Richter in unser aller Namen aufschwingen?“ Zunächst hatte er geschwiegen, als sich vor dem Islamischen Buchzentrum auf meine Frage hin nach anfänglicher Zurückhaltung eine aufgeregte Diskussionsrunde zusammengefunden hat. Student Naseer fürchtet, hier mit seiner Meinung in der Minderheit zu sein.

Denn Alt-Delhi ist eine Brutstätte für den von Chomeini proklamierten islamischen Fundamentalismus. Und das hat seine Gründe, soziale vor allem, aber auch historische. Die vergilbten Ränder der Chomeini-Bilder, die hier zuhauf hängen, machen deutlich, daß die Porträts nicht erst seit gestern die Wände schmücken. Während sich nicht einmal die arabischen Staaten dazu aufschwingen mochten, den Kriegsruf des Alten von Teheran zu unterstützen, gingen auf dem Subkontinent die Wogen des Zorns hoch. In Pakistan und Indien sind schon über zwei Dutzend Menschen umgekommen, einige hundert wurden verletzt. Daß es nach dem letzten Freitagsgebet in Bombay und Delhi ruhig blieb, hat zu einem großen Aufatmen geführt. Aber die anhaltenden Unruhen in Kaschmir beweisen, daß die Ruhe wohl trügt.

Denn auf dem Subkontinent geht es nicht um Religion, sondern um Politik. Nicht nur für Chomeini, der plötzlich wieder im Mittelpunkt des Weltislam steht, kommen die „Satanischen Verse“ wie gerufen, sondern auch für jene, die sie hier schnell in politisches Kapital ummünzen wollen. Sowohl in Pakistan wie in Indien steht dabei viel auf dem Spiel. In Pakistan soll Rushdie als Instrument dienen, die neue Ministerpräsidentin Benazir Bhutto durch zunehmendes Chaos zu stürzen. In Indien soll es die 90 Millionen Muslims (nach Indonesien mit 150 Millionen, Pakistan mit 103 und Bangladesch mit 93 Millionen immerhin das Land mit der viertgrößten muslimischen Bevölkerung auf der Welt) hinter denen zusammenschweißen, die sich auf eine große Konfrontation zwischen Hindus und Moslems vorbereiten. Denn zugleich mit den islamischen Fundamentalisten wächst in Indien gegenwärtig ein beängstigender Hindu-Fundamentalismus heran, zum Teil mit faschistischen Zügen. Beide Entwicklungen bedrohen das säkulare System Indiens, das einzige System, das den multireligiösen Vielvölkerstaat Indien bisher einigermaßen hat funktionieren lassen.