Von Gregor Beushausen

Dortmund

Vor einem Jahr sind die wohlerhaltenen Fundamente des Adlerturms, eines mittelalterlichen Wehrturms, ausgegraben worden. Jetzt ist Dortmunds SPD-Altbürgermeister Willi Reinke die Erleuchtung gekommen: Der Turm müsse wieder, wie dermaleinst, ein weithin sichtbares Wahrzeichen „ungebrochener Wirtschaftskraft“ werden, Symbol eines „Dortmund im Aufbruch“.

Archäologen und Denkmalschützer fassen sich an den Kopf. Der Turm ein Symbol? Wie dermaleinst? Ein wiederaufgebauter Adlerturm, möglichst mit netten Fensterchen und Verzierungen, sei nichts weiter als ein Produkt der Phantasie, ein Dortmunder „Disneyland“.

Verläßliche Daten über die frühere Beschaffenheit des Adlerturms – er soll dreißig Meter hoch gewesen sein – sind mehr als dürftig. Einzige Quelle ist eine Stadtzeichnung aus dem Jahre 1610, von einem Privatgelehrten rekonstruiert. Nach deren Maßen, so spottete kürzlich eine Lokalzeitung, „hätte in den Wohnhäusern des mittelalterlichen Dortmund nicht mal eine Kuh Platz gefunden“.

Das freilich ficht die Befürworter des Projekts nicht an, im Gegenteil: Reinke, Motor des Wiederaufbaus, rief im Eilverfahren einen Arbeitskreis ins Leben, dem sich neben SPD- und CDU-Politikern unter anderem der Vorsitzende des Historischen Vereins, drei städtische Dezernenten, der örtliche DGB-Chef und der Vorsitzende der Stadtsparkasse anschlössen. Flugs ließ Reinke über die örtlichen Medien verbreiten, das Land habe bereits versprochen, den Bau finanziell zu fördern. Zuschüsse bis zu hundert Prozent könnten gewährt werden, verkündete daraufhin das Arbeitsamt, wenn die am Bau beteiligten Firmen Dauerarbeitslose beschäftigten. Die Stadtsparkasse läßt eine Sondermünze prägen, und Borussias Bundesligakicker werben mit Autogrammstunden. Im Stadttheater soll ein Galakonzert für den Adlerturm organisiert werden, und bei Industrie, Handel und Handwerk wird die Spendendose herumgereicht. Zwei Millionen Mark sollen gesammelt werden, der Rest muß aus Düsseldorf fließen.

Die westfälischen Denkmalschützer sind verblüfft über soviel Geld und so große Eile bei so wenig Wissen über das Objekt. Sie haben bereits angekündigt, sich mit „allen rechtlichen Mitteln“ wehren zu wollen, falls der wertvolle Fund – seit Mitte Januar unter Denkmalschutz – zu Schaden komme.