Von Klaus Pokatzky

Hamburg

Das letzte, an das sich Otto Sch. noch erinnert, war ein Wortwechsel; kurz, aber heftig. Gerhard K., der auf dem Gerüst nebenan arbeitete, drohte ihm Schläge an. Da solle der Kollege sich aber "reichlich überlegen", antwortete Otto Sch., ob er "das Echo abkönnte". Danach ging der Heizungs- und Lüftungsbaumeister "wieder in die Decke" und setzte die Klimaanlage zusammen. Bis zu den Schultern steckte er zwischen den Balken und Platten aus Edelholz, es wurde am repräsentablen Sitzungssaal der Landesbank gebaut, als er ganz plötzlich keinen Boden mehr unter den Füßen spürte.

Vom weiteren Geschehen hat er rein "gar nichts mehr mitbekommen". Nur einmal noch, ganz kurz, nahm er die entsetzten Gesichter der Kollegen hoch über sich wahr, als die Sanitäter die Trage anhoben. Dann wurde schon wieder alles schwarz und erst in der Intensivstation des Krankenhauses St. Georg wachte er langsam auf, als die Narkose verblaßte und dafür die Schmerzen kamen, im Kopf, am Hals, in den Rippen. Schädelhirntrauma ersten Grades, Schädelbasis- und Schädeldachfraktur rechts, Fersenbeinschrägfraktur rechts, Trommelfelldefekt rechts, Rippenserienfraktur rechts stellten die Ärzte fest – unter anderem.

Das war am 28. Juni, bis zum 12. September lag der 45jährige im Krankenhaus. Arbeiten kann er heute noch nicht und wird es auch vielleicht nie wieder können. "Der Kopf, das ist das Schlimmste", ihn kann er nicht mehr nach oben oder unten bewegen, "aber wir hoffen ja immer noch". Das rechte Ohr ist, für immer, taub. "Ich kann auch nicht mehr riechen." Jetzt macht er in der Therapie "sehr viel Gedächtnistraining", setzt Bauklötze zusammen und rechnet wieder "wie in der zweiten Klasse".

Gerhard K., 44, kann auch heute, als Angeklagter vor dem Amtsgericht, kein Bedauern formulieren. Für ihn ist das "eindeutig ein Arbeitsunfall" und "Streitereien auf dem Bau sind auch normal".

Nebeneinander auf zwei Gerüsten, in einem Abstand von eineinhalb Metern, arbeitete Gerhard K. an der Beleuchtung und Otto Sch. an der Klimaanlage, und zwischen ihnen gab es so oft Streit, daß der Bauarbeiter Wolfgang R. "zum Schluß gar nicht mehr auf jedes Wort gehört" hat. Gerhard K., "der Sache nicht gewachsen", hat "das ganze nicht gecheckt" und wurde, so erzählt Wolfgang R. vor Gericht an diesem Nachmittag, von Otto Sch., dem "absolut kompetenten", auch der "Unfähigkeit" geziehen. Gerhard K. reagierte mit der "Androhung von Schlägen", Otto Sch. sagte nur "versuch’s doch mal" und ging dann wieder an seine Arbeit in der Decke. In dem Moment war der Techniker Jan-Christian Z. "gerade mit einem Arbeitsgang fertig" und guckte zu den beiden Männern auf ihren Gerüsten, 1,80 Meter hoch. Gerhard K. stieg von seinem herunter und hat das benachbarte "richtig weggedrückt", faßte nämlich mit beiden Händen an eine Verstrebung und "gab dem Gerüst den Schubs", daß es fast zwei Meter wegrollte. Otto Sch. schlug mit dem Kopf auf.