Von Willi Winkler

Sicher, es ist reichlich unfair, Einwände gegen ein Buch zu erheben, das seinen Autor das Leben zu kosten droht. Aber nachdem bereits andere für die Freiheit des Wortes eingetreten sind, sei es ausnahmsweise erlaubt, die „Satanischen Verse“ so zu lesen, als handele es sich bei dem Buch nur um eine von vielen Neuerscheinungen.

Salman Rushdie fängt mit dem allereinfachsten an: „Um aber wiedergeboren zu werden, mußt du erst sterben.“ Zwei Männer stürzen bei einer Flugzeugexplosion aus knapp neuntausend Metern auf die Erde und landen unversehrt an der englischen Küste. Der eine ist Gibreel Farishta, ein indischer Filmstar, der berühmt geworden ist durch die vielen verschiedenen Götter, die er in Dutzenden von sogenannten „Theologicals“ gespielt hat. Er allein ist schon, wie ihm ein Verehrer nachrühmt, eine wandelnde UNO an Gottheiten. Farishta ist auf der Flucht vor seinem Ruhm und auf der Suche nach Alleluia Cone, einer Everest-Bezwingerin aus London, in die er sich nach schwerer Krankheit verliebt hat. Der andere, der zusammen mit ihm abgestürzt und ebenso weich gelandet ist, heißt Saladin Chamcha, ist ein gefragter Stimmenimitator und stammt wie Gibreel aus Indien. Der Roman erzählt die Abenteuer der beiden Überlebenden.

Während Gibreel Glück hat und tatsächlich seine Geliebte findet, wird der britische Staatsangehörige Chamcha für einen illegalen Einwanderer, einen Paki, gehalten, wird von der Polizei geschlagen und mißhandelt. In der Angst vor den Polizisten, die in ihm keinen Menschen erkennen wollen, verwandelt er sich in einen bockbeinigen Teufel: auf der Stirn sprießen ihm Hörner, die Körperbehaarung nimmt rasch zu, die Füße werden zu Hufen. „Sie beschreiben uns einfach“, sagt ein Leidensgenosse, der mit Chamcha interniert ist, „und wir unterwerfen uns den Bildern, die sie sich von uns gemacht haben.“ Saladin beginnt eine kurze Laufbahn als Monster, bis ihm ein Haßausbruch wegen des Freundes Gibreel, der ihn so schmählich im Stich gelassen hat, wieder in seine ursprüngliche menschliche Form zurückverhilft. Da aber hat sich seine englische Frau längst einen Liebhaber genommen, sein Arbeitgeber hat ihn gefeuert, weil die Leute die ethnischen Fernsehshows nicht mehr sehen wollen, in denen er aufgetreten war; ihm bleibt nur die Rache.

Gibreel erlebt die Wonnen der Liebe mit seiner Bergsteigerin, trennt sich allerdings jedesmal von ihr, wenn er sich etwa berufen fühlt, die Stadt London zu erlösen oder sie am Ende gar zu zerstören. Im Schlaf hat Gibreel, der deswegen panische Angst davor hat, daß ihm die Augen zufallen, die wildesten Träume: der Schauspieler träumt sich als Gibreel, der um Alleluia wirbt und sich von ihr betrogen wähnt; er ist jener Gibreel, der Mohammed oder Mahound den Koran verkündet; jener andere Gibreel, der eine Pilgerschar ans Meer führen soll; und schließlich jener Gibreel, der sich für den Kampf mit seinem Gegner, mit dem ehemaligen Freund Saladin, wappnet. Die verschiedenen Rollen laufen ständig in seinem Kopf ab; Farishta ist zum Erzengel des Videozeitalters geworden. Am Ende wird er schizophren sein. Die allzu vielen Rollen, die er in den indischen Filmserien gespielt hat, werden ihm seine Individualität nehmen; vor lauter Filmträumen und Traumfilmen weiß er nicht mehr aus noch ein. „Gibreel: der Träumer, dessen Perspektive manchmal die der Kamera und dann wieder die des Zuschauers ist.

Der unerhörte Kunstgriff Rushdies besteht darin, daß er eine erfundene Figur, Gibreel Farishta, die davon lebt, daß sie erfundene Figuren spielt, Visionen haben läßt, in denen sie von realen Ereignissen träumt.

Einer von den Wahnträumen des schlafenden Gibreel, die Rushdie berichtet, erzählt nach, wie der Islam in der Wüstenstadt Jahilia entstand und welchen Anfechtungen er zu Anfang ausgesetzt war. Die neue Religion der „Unterwerfung“ hat in Jahilia bisher nicht so recht Fuß fassen können. Der Geschäftsmann Mahound beginnt ganz unten: ein Wasserträger, ein Einwanderer und ein Sklave sind seine ersten Jünger. Jahilia liegt mitten in der Wüste, ist ganz und gar aus Sand erbaut, ein wichtiges Wirtschaftszentrum, weil sich hier die Straßen Arabiens kreuzen. Die Bewohner beteten bisher zu 360 Gottheiten; für jeden Tag steht eine andere bereit. Gegen diesen Polytheismus konkurriert Mahound mit seiner Lehre von der Unterwerfung unter nur einen Gott.