Frühling in Bonn, 18 Grad zum Wochenanfang, die Knospen springen. Alles hellt sich auf, nur nicht die Gesichter der Koalitionäre, besonders nicht die der Christdemokraten. Statt aus den Wintermänteln geht die Union auf ganz andere Weise aus sich heraus – wie gehabt. Sie legt ihre Nerven bloß. Da reist der CDU-Generalsekretär zu löblichen Zwecken in die Parteiprovinzen: Stabilisierung, Zuspruch, Aufmunterung. Am vergangenen Wochenende hat er in Schleswig-Holstein und Niedersachsen seine Spuren gezogen; weitere Regionalkonferenzen und Auftritte werden folgen.

Freilich agitiert er auf seine unbeugsame Weise. Von seinem Öffnungskurs will er nicht lassen, was fürs Aktuelle heißt: weder von einer moderaten Ausländerpolitik noch von der Bekämpfung der Republikaner – während andere die dorthin abgeirrten Schäfchen doch zurückholen wollen, durch mehr Strenge gegenüber den Ausländern. Aber manche, sagt Heiner Geißler und meint damit auch andere wieder konservativ eingeschwärzte Positionen etwa zur Ost- oder zur Frauenpolitik, manche verhielten sich eben so, als seien sie in den fünfziger Jahren steckengeblieben. Nicht wahr, liebe Schwester CSU?

Außerdem steht wieder in den Blättern, daß der Generalsekretär eine „profimäßige Darstellung der Regierungspolitik“ verlange und daß die CDU weder zu einem Kanzlerwahlverein degradiert noch ihr Profil auf das Niveau von Koalitionsvereinbarungen reduziert werden dürfe. Daraufhin werden in diversen Bonner Amtsstuben die Zeitungen abermals zerknüllt. Wie war denn das, zischelt es zum Beispiel im Kanzleramt, am letzten Freitagnachmittag um halb vier, als man noch einen Böller gegen die rot-grüne Gefahr loslassen wollte, die Parteizentrale aber schon ausgestorben fand?

Sodann dieser Graf Lambsdorff: Zwar will er sich in die Händel der Union nicht einmischen. Aber auch er spricht von „mangelnder Entschlossenheit“ oder davon, wohl stehe seine FDP „derzeit“ zur Fortsetzung des Bündnisses mit der CDU/CSU, doch müßten die Sozialdemokraten als mögliche Alternative ins Visier genommen werden. Der Herr von Lambsdorff, zischelt es da wieder, solle doch besser im eigenen Laden für Ordnung sorgen: zum Beispiel bei dem Personaldebakel, das dem Wahldebakel der Berliner Liberalen gefolgt ist, als dort die designierte Nachfolgerin des resignierten Vorsitzenden durchfiel.

Aber das alles ist ja nur Gesäusel im Vergleich zu der „Krampfhenne“, einer „ausgetrockneten und unbefriedigten“ noch dazu, welche der Parteifreund Todenhöfer auf die Fraktionskollegin Hellwig losgelassen haben soll, nachdem sie ihn mit dem Attribut „absolute Null“ ins Nichts gestoßen hatte. Damit hat, allem Anschein nach, der nur von wenigen geschätzte Dauernörgler von rechts endgültig überzogen, mathematische Degradierung hin oder her. Am Wochenanfang war noch offen, ob und zu welchem Ende der Ehrenrat der Unionsfraktion deshalb tagen wird. So weit erinnerlich, täte er’s zum allerersten Mal. Doch so sind schon manche Beziehungen und Stimmungen: verkrampft, auf dem Nullpunkt, absolut irrational.

Freilich, ganz irrational erscheint der Union die Lage ohnehin. Heiner Geißler sinnt darob über einen „Appell an die Vernunft des Volkes“ – an dieses unbegreifliche Volk, das trotz großer Regierungswerke immer mehr Neigung zeigt, den Daumen zu senken. Aber natürlich sind nun auch Zyniker zugange, denen in der Frühlingsluft die Säfte steigen. Einer erinnert an den Rat, den Bert Brecht einst seiner Regierung gegeben hat: nämlich ob es nicht besser wäre, wenn sie das Volk auflöste und sich ein anderes wählte?

Carl-Christian Kaiser