Von Reiner Klingholz

Ordentlich Schnee und Frost und Kälte bis in den März hinein, das hatte mein Nachbar Heinrich noch im Dezember vorausgesagt: „Einen richtigen Winter wird es geben!“ Als erfahrener Landwirt, dachte ich, wird Heinrich schon wissen, was er sagt. Denn was Heinrich über das Wetter weiß, das weiß er aus dem Hundertjährigen Kalender. Hoffnungsfroh sah ich meterhohen Schneewehen entgegen, die mir wochenlang den Weg ins Büro verstellen würden.

Und nun? „Nu issas eben alles anners“, sagt Heinrich, während auf seinem Acker Raps und Gerste sprießen, und der Huflattich durch die Kuhfladen treibt. Heinrich läßt sich eben durch nichts auf der Welt erschüttern, schon gar nicht durch irgendeine Art von Wetter.

Ähnlich wie auf seinem mergeligen Boden in der Marsch sprießt es in diesem Jahr überall im Norden der Republik früher und heftiger noch als in den südlichen Provinzen Deutschlands. Ausgerechnet in jener Region, die Ortsfremde aus klimatischen Gründen gemeinhin für unbewohnbar halten, welken längst die Schneeglöckchen, und in den Gräben hinter den Deichen springen schon die Erdkröten. Der Rapserdfloh, jener Schrecken der Landwirte, frißt und paart sich ungeniert in den linden Lüften, und die Erlenpollen beginnen schon den Frühallergiker zu quälen.

„Der Frühling probt den Kopfstand“, witterte in der vergangenen Woche die FAZ, als nach dem eigentlichen Winter nun auch der erhoffte „Spätwinter“ im Februar ausgeblieben war. Die Süddeutsche Zeitung verdonnerte die undefinierbare Jahreszeit angesichts des „kalenderwidrigen Säftetreibens“ kurzerhand zum „Nichtwinter“. Und die Münchner Abendzeitung sah ob der frühlingshaften Wärmeströmungen („Winter mild – Bayern wild“) den menschlichen Hormonpegel außer Rand und Band geraten.

„Dabei“, sagt der Meteorologe Rolf Doberitz vom Seewetteramt in Hamburg, „hat sich die Wetterlage bereits wieder normalisiert. Ungewöhnlich war sie nur bis in die vorletzte Februarwoche hinein.“ Damals hatte sich ein immer wieder neu aufgefrischtes Azorenhoch über das Mittelmeer bis in den Alpenbereich verlagert. Wochenlang änderte sich nichts an dieser starren Lage, und die atlantischen Tiefausläufer, die sonst das Winterwetter prägen, hatten keine Chance. Atmosphärische Bedingungen, wie sie sonst nur in einem idealen Ferien-Sommer auftreten. Bei höherem Sonnenstand wäre es in diesen Wochen 30 Grad und wärmer geworden. Hitzefrei! So blieb es immerhin mild – und vor allem im Süden trocken: Das stabile Hoch blockierte die sonst üblichen kalten Ostwinde und die Niederschlagsfronten, die aus dem Westen Regen und aus dem Norden Schnee hätten herbeiführen können.

Die Dürre traf vor allem den Mittelmeerraum. Dort blieben die Regenfälle aus, von denen die Menschen in den heißen Monaten des Jahres zehren, und die Wälder Spaniens standen in Flammen, wie sonst bestenfalls im Hochsommer. In Galizien, bekannt für einen verregneten Winter, starben einige Bauern, die sich nicht vor dem Feuer retten konnten.