Von Marcel Reich-Ranicki

Wir haben uns in der Stadt Georg Büchners versammelt, um im Zeichen Georg Büchners einen Schriftsteller zu ehren und zu feiern, der sich schwer einordnen und überhaupt nicht etikettieren läßt, der also in keinen Rahmen paßt und aller Vergleiche spottet, einen Schriftsteller, der, das sei gleich gesagt, umstritten war, umstritten ist und, hoffentlich, immer auch umstritten bleiben wird.

Ihn, Walter Jens, hat man schon oft in Lobreden gerühmt und in allerlei Berichten porträtiert. Die Autoren dieser Artikel bedienen sich gern solcher Vokabeln wie "kühl" und "spröde" und "asketisch". Ob damit die Person gemeint ist oder das Werk – hier stimmt kein Wort. Denn nicht kühl ist er, sondern eher heißblütig und nicht spröde oder abweisend, sondern – seine Freunde wissen dies ebenso wie seine Studenten – eher leutselig, ja herzlich.

Und wie ist es mit der Askese? Nun, es läßt sich nicht verheimlichen, daß Jens nur gelegentlich zum Essen ein Achtel Wein trinkt und jeden, der sich etwas mehr gönnt, für einen gefährdeten Menschen auf dem Wege zum baren Alkoholismus hält. Aber wenn man seinem umfangreichen Werk auch manches vorwerfen mag – asketisch mutet es nie an. Und es kann nicht asketisch sein, weil das Grundelement dieses Werks das Spiel ist. Ja, Jens ist rettungslos dem Spiel verfallen – und deshalb, wenn auch nicht nur deshalb, liebt er kaum einen Schriftsteller so sehr wie Lessing.

Freilich: Lessing frönte dem Glücksspiel, Jens hingegen kann ich mir im Spielkasino von Baden-Baden nicht recht vorstellen, ich glaube, seine Familie braucht da keine Angst zu haben, er ist gegen diese Gefahr hinreichend gefeit. Es ist ein ganz anderes Spiel, das ihn mit Lessing verbindet. In einer dramatisch-essayistischen Arbeit von Jens, die ich besonders liebe, in dem Totengespräch zwischen Lessing und Heine, läßt er Lessing über seine Figuren zusammenfassend sagen: Riccaut de la Marlinière "spielt mit Dukaten, Nathan mit Waren, der Sultan mit Dame, Springer und Turm, und Minna, das Fräulein von Barnhelm, spielt... mit ihrem Mann. Mesdames, Messieurs, faites votre jeu!"

So ist auch Jens leidenschaftlich verliebt in das erhabene Spiel mit Gedanken und Gestalten, mit Fragen und Formeln, mit Thesen und Themen und zugleich mit der Tradition, genauer: mit dem Tradierten. Er läßt Lessing im Totengespräch bekennen: "Und hätte ich nicht in der Schule gelernt, mir fremde Schätze zu borgen – in Bescheidenheit, wie sich versteht! – und mich an fremden Feuern zu wärmen – ich wär’ schon arm dran."

Dieses Sichwärmen an fremden Feuern, diese Arbeitsmethode also, wird von Jens an anderer Stelle beschrieben, nämlich in seiner großen Studie über "Lessing und die Antike": "Erst das Finden, dann, mit Hilfe von Variation, Raffung und Zusatz, das Erfinden: Da arbeitet der Philologe dem Schriftsteller, der Antiquar dem auf Unterweisung bedachten Literaten in die Hand; da werden Schätze ausgegraben und, durch Restauration und modernisierendes Arrangement, in einer Weise zur Schau gestellt, daß die zu Säulenheiligen der Klassizisten heruntergekommenen Klassiker sich plötzlich wieder in ihrer Frische und ihrer Fremdheit, ihren Widersprüchen, ihrer Zeitbedingtheit und ihrer Überzeitlichkeit zeigen." Und Jens fährt fort: "Dem Abgegriffenen durch Umfiguration und verfremdende Pointierung neue Anschaulichkeit zu verleihen...: Das war Lessings Begabung." Das kann man nicht besser ausdrücken, das trifft genau – den Gotthold Ephraim Lessing und den Walter Jens.