Von Dörte von Westernhagen

Die Hohe Straße“, „des Reiches Straße“ oder einfach „Die Straße“ hieß der uralte Handelsweg, der Frankfurt am Main mit Leipzig, aber auch Krakau und Kiew mit Köln und Brügge verband. Könige und Kaufleute zogen ihn entlang, Goethe pendelte auf ihm zwischen Weimar und Frankfurt, Napoleon diente er als Heerstraße.

Via vita – die Straße ist Leben; am Grenzzaun zur DDR in der Gemarkung Grüsselbach nahe Rasdorf stimmt der alte Spruch nicht mehr. Die letzten Spuren der via regia verlieren sich in Franzosen- und Habichtskraut; hinter ein paar rotweißen Pfählen ein verwitterter Stein, vermutlich markierte er die Grenze zwischen Hessen und Thüringen. Kein Laut ist zu hören. Hoch im Blau taucht ein Flugzeug auf, Route Frankfurt-Berlin.

Der erste Teil meiner Reise über die Hohe Straße liegt hinter mir. Begonnen hat sie in Frankfurt, wo Gunter Kaross, Generalbevollmächtigter der Messe GmbH, mir die Vorteile der Branchenmesse erklärte. Die traditionelle Form der Leipziger Universalveranstaltung sei angesichts fortschreitender Spezialisierung überholt. Von Frankfurt aus folgte ich der Kinzigstraße, neben den nördlich verlaufenden „kurzen“ und „langen Hessen“ seit dem 18. Jahrhundert der dritte Hauptweg nach Leipzig. In der Pfarrstraße von Gelnhausen besah ich an einem Haus mit der Jahreszahl 1564 die Engstelle, die den Frachtwagen früher für die gesamte Strecke die Höchstbreite ihrer Ladung vorschrieb: „Von Leipzig an der Pleiße bis Frankfurt an den Main wird’s auf der ganzen Reise die engste Stelle sein.“

Im „Roten Löwen“ in Schlüchtern, wo Goethe das von den Franzosen zerstörte Rathaus gezeichnet hatte, traf ich auf eine Klasse ehemaliger Breslauer Abiturienten, die hier ihr Jahrestreffen abhielt. Die lang sich hinziehenden Steigungen zwischen Vogelsberg, Spessart und Rhön belebte ich mit den Zügen der Fuhrleute, die sich bei Messereisen – mit Spießen und Büchsen bewaffnet – gegen Schnapphähne und Wegelagerer zu Karawanen von zuweilen hundert Karren zusammengeschart hatten. Nach einer Beschreibung aus dem 16. Jahrhundert soll der Verkehr „ungeheuer“ gewesen sein.

Um von der Grenze auf die andere Seite zum nur zehn Kilometer entfernten Vacha zu kommen, von wo die Hohe Straße sich im Hörseital über Erfurt nach Leipzig fortsetzt, mußte ich allerdings allerlei Anträge bei DDR-Behörden stellen und den Umweg über Herleshausen-Wartha nehmen. An einem sonnigen Frühjahrstag holpert mein Auto durch den Thüringer Wald nach Bad Salzungen. Dort hole ich mir den Stempel für die Aufenthaltsgenehmigung im Kreis Vacha im Grenzgebiet der DDR ab.

Zu fünft gehen wir durch das historische Städtchen zur Burg Wendelstein: Bürgermeister, Stadtarchivar, Pressereferent und Heinz Wiegand, mein Fachberater und ständiger Reisebegleiter. Er gehört zur Generation derer, die die DDR aufgebaut haben, ursprünglich Schlosser, jetzt Obermuseumsrat im Ruhestand; ein kenntnisreicher Mann, agil, hellwach, stets im Dienst seiner Uberzeugungen und seines Staates.