Wie Rechner durch Sabotage infiziert werden

Wie kostbar unsere Gesundheit ist, merken wir meistens erst, wenn wir krank werden. Solange Computer zuverlässig ihren Dienst versehen, vergessen wir leicht, wie abhängig wir inzwischen von diesen Maschinen geworden sind, die den Luftverkehr, die Fernsehsatelliten, militärische Alarmsysteme oder medizinische Geräte steuern. Doch auch Computer können krank werden, und es kommt noch ärger: Sie können andere Computer mit ihrer Krankheit anstecken. „Vorsicht, Viren! Häufiger und ungeschützter Datenverkehr mit wechselnden Kommunikationspartnern kann zum Totalausfall führen“, höhnte kürzlich ein Programm auf dem Bildschirm eines Personalcomputers – es war selbst ein Virus-Programm.

Computerviren sind Gebilde von Menschenhand, die im Prinzip recht einfach funktionieren. Diese kurzen Programme tun zweierlei: Sie vermehren sich, und sie haben etwas mit dem Computersystem vor, in dem sie sich vermehren. Doch muß ein Saboteur, der ein System infizieren will, zunächst einmal das Virusprogramm hineinlotsen. Vielleicht sitzt der Bösewicht direkt am System, etwa an einem Terminal im Rechenzentrum, oder er ist per Telephon und Home-Computer mit seinem Opfer verbunden. In diesen Fällen muß er nur noch vom System die Berechtigung ergattern, ihm neue Programme einzupflanzen – dann kann er das Virus hineinschreiben. Ein anderer Weg: Das Virus steckt bereits in einem Programm, das sich auf einer Diskette befindet. Wird das Programm von der Diskette in den Computer geladen, so ist das Biest im System.

Computerviren sitzen am Anfang oder am Ende eines „Wirtsprogramms“, eines gewöhnlichen Computerprogramms. Sie treten in Aktion, wenn das „Wirtsprogramm“ aufgerufen wird – dieses funktioniert ansonsten weiter wie bisher. Ein Virus enthält zwei Unterprogramme: eine Vermehrungs- und eine Funktions-Sequenz. Die Vermehrungs-Sequenz kopiert das Virus in andere Programme hinein. Auch diese funktionieren dann weiter wie bisher, nur befindet sich an ihrem Ende – oder Anfang – wiederum ein Virusprogramm. Dessen Vermehrungs-Sequenz kopiert die Virus-Kopie – und so geht es immer weiter, mit exponential wachsender Geschwindigkeit, und womöglich noch per Datenleitung von einem Computer zum anderen.

Die Funktions-Sequenz des Virus hingegen ist der Ort, an dem sich die sadistische Phantasie ausleben kann. Vielleicht schaltet das Virusprogramm den Computer einfach ab, entweder sofort oder, die Computer-Uhr nutzend, am Freitag den 13. Oder es knabbert alle paar Wochen mal an diesem, mal an jenem Programm ein paar Bits ab und ruiniert, Zunächst unbemerkt, die komplette Software. Besonders ekelhaft sind „Head-Crasher“. Sie zerstören die empfindlichen – und teuren – Schreib/Leseköpfe magnetischer Datenspeicher. Eher romantisch mutet das „Herbst-Virus“ an: Von Oktober bis Dezember sorgt es dafür, daß jeder eingegebene Buchstabe langsam an den unteren Bildschirmrand sinkt.

Ein Science-Fiction-Autor hatte in den siebziger Jahren erstmals den bildhaften Ausdruck „Computervirus“ benutzt; das erste reale Virusprogramm schrieb vor sechs Jahren Fred Cohen, ein Informatiker an der Universität von Südkalifornien. Er experimentierte einige Monate lang damit, veröffentlichte dann seine Ergebnisse – und erntete keineswegs nur Anerkennung, sondern auch harsche Kritik von Sicherheitsexperten. Doch was hätte er sonst tun sollen? Auf das einfache Bauprinzip der kleinen Mistviecher kann eigentlich jeder kommen, der sich mit „selbstbezüglichen“ Programmen beschäftigt, mit Programmen, die sich selbst bearbeiten. Denn das genau tun Computerviren, indem sie ihre Programmzeilen „lesen“ und in weitere Programme hineinschreiben.

In der Natur tritt die „Selbstbezüglichkeit“ recht häufig auf, mithin stellte sich die Frage, ob Computerviren auch „von selbst“ entstehen können, etwa durch fehlerhafte Software. Ein Virus ist kein sehr langes Programm, dennoch umfassen die bisher bekannten Viren mindestens 500 Bits – darstellbar als eine ganz bestimmte Folge von 500 Nullen oder Einsen. Daß ausgerechnet diese Bit-Folge zufällig entstehen könnte, ist extrem unwahrscheinlich. Eher wäre denkbar, daß ein Programmierer selbstbezügliche Programme schreibt und dabei versehentlich ein Virusprogramm erzeugt – doch ist auch das eine nur entfernte Möglichkeit. Bisher entstanden Rechner-Infekte durch Sabotage oder dadurch, daß zu Testzwecken geschriebene Viren aus Versehen „freigesetzt“ wurden, also unkontrolliert ins System gerieten. Schon viele Heimcomputer, Rechnernetze und Rechenzentren hatten unter den bösartigen Miniprogrammen zu leiden.