Von Christian Schmidt-Häuer

Vier Jahre nach Michail Gorbatschows Machtantritt steht die Führung der Sowjetunion vor der politischen Revolution und dem wirtschaftlichen Zusammenbruch, Sie hat das eine gewollt, um das andere zu verhindern. Doch ihr Versuch, die Sowjetökonomie zu reformieren, hat nur deren Verfall beschleunigt. Um dem Kollaps zu entgehen, drängen der Parteichef und seine Anhänger darauf, die Fesseln des Systems zu sprengen.

„Unser Management ist in einer solchen Verfassung, daß wir ohne eine Explosion, ohne den völligen Abbau des Systems nicht zurechtkommen“, klagte schon im vergangenen Sommer der Direktor des Wirtschaftsinstituts der Akademie der Wissenschaften, Leonid Abalkin, in Argumenti i fakti. Und auf der 19. Parteikonferenz Ende Juni fragte der führende Ökonom wenig später: „Sind wir in der Lage, unter Beibehaltung der sowjetischen Gesellschaftsorganisation und des Einparteiensystems das gesellschaftliche Leben mit Sicherheit demokratisch zu gestalten?“

Gorbatschows Anfangsstrategie der „Beschleunigung“ (uskorenije) hat die „barbarische Invasion der Bruttoerzeugung“ (D. Walwoj) noch gesteigert. Die Wirtschaft arbeitet „nur noch für sich selbst, nicht mehr für den Menschen“ (W. Seljunin). Die Menschen in den immer ungeduldigeren Schlangen verlangen schnelle Erfolge, wünschen aber keine einschneidenden Veränderungen. Die Reformer bemühen sich um einschneidende Veränderungen, können aber keine schnellen Erfolge bieten. Die Bürokratie boykottiert das eine wie das andere. Ihr Widerstand ist zäh, aber nicht so entscheidend, wie in Ost und West behauptet. Das Kernproblem liegt darin, daß die Fundamente der bisherigen Reform nicht tragfähig genug sind, um darauf ein haltbares ökonomisches System zu bauen.

Millionen Sowjetbürger verrichten weiter Arbeiten, deren Ergebnis keine Waren sind. Otto Lazis, renommierter Reformdenker der Partei, in der Zeitschrift Snamja: „Sie bauen Bewässerungskanäle, die keinen Zuwachs an landwirtschaftlicher Produktion bringen. Sie stellen Werkbänke her, für die es keine Arbeiter gibt, Traktoren, für die Traktoristen fehlen, Dreschmaschinen, die nicht funktionieren werden. Weitere Millionen Menschen versorgen diese überflüssigen Produktionen mit Elektroenergie, Metall, Erz, Erdöl, Kohle. Sie erhalten dafür ihren Lohn wie alle anderen auch und tragen ihr Geld in die Geschäfte. Dort aber finden sie keine Waren vor, weil aus dem Ergebnis ihrer Arbeit nichts gewonnen werden kann. Was nicht ist, das ist nicht.“

Höhere Löhne und Gehälter, mit denen die Reformer zunächst Initiativen und Leistungsbereitschaft der Menschen zu fördern versuchten, haben dieses Ungleichgewicht vergrößert. Der wachsende Warenhunger hat den ersten Elan in Teilen der Arbeiterschaft schnell wieder geschwächt. „Die Bauarbeiter erhalten ihre Löhne“, so der Ökonom Pawel Bunitsch jüngst in einem Gespräch, „aber was geben sie? Haben Sie schon gesehen, wie an den Baustellen die Bäume wachsen? Mir hat man jüngst einen gezeigt, der sieben Jahresringe hatte – das sind Inflationsringe.“

In der vergangenen Woche hat Gorbatschows wichtigster Ideengeber, das Politbüromitglied Alexander Jakowlew, auf einer Wahlveranstaltung in Georgien erklärt: „Unser Rubel ist krank, weil die Wirtschaft krank ist. Seine Symptome sind paradox: Er verschlingt Ressourcen- und Rohstoffberge und leidet doch an Waren-Schwindsucht.“ Diese Schwindsucht demoralisiert die Bevölkerung weiter. Der Schriftsteller und Publizist Daniii Granin – ein Moralist, aber kein Dissident, und gerade mit einem hohen Staatspreis ausgezeichnet – im Parteiorgan Prawda: „Ist es nicht absurd, wenn den Leiter des Kolchos eine gute Ernte, schönes Wetter nicht erfreuen? Wenn die Verkäuferin, der Arzt, der Hotelverwalter Sie nur verbiestert empfangen? Den Käufer, den Verbraucher, den Fahrgast braucht einfach niemand. Auch sein Geld braucht niemand...“