Sind die Bundesrepublik und die Vereinigten Staaten noch Freunde? Die Gefühlsbindungen aus der Zeit des Kalten Krieges, gar der Berliner Blockade und der Luftbrücke sind dem Tagesärger gewichen. Reagan und Shultz waren uns fremd geworden; die amerikanische Presse gibt sich seit einiger Zeit kühl bis feindselig.

Gerade in diesen Tagen wird uns die Abneigung Washingtons gegen Bonn wieder deutlich gemacht. Der Bonner Korrespondent der International Herald Tribüne (IHT) hat sie in einem langen Artikel zusammengefaßt. Dort schreibt Joseph Fitchett am 1. März: „Die Spannung zwischen Westdeutschland und seinen wichtigsten Verbündeten über die Modernisierung der Nuklear-Waffen enthüllt ein größeres Problem: eine wachsende Entschlossenheit Bonns, in einer Reihe von Ost-West-Fragen die Bündnispolitik neu zu formulieren, in Militärfragen, Verfahren bei der Rüstungskontrolle, Wirtschaftsfragen.“

Fitchett sieht in diesem Streit die beiden wichtigsten Alliierten an der Seite der Vereinigten Staaten: England und Frankreich; mit England (Thatcher) hat er recht, Frankreich decouvriert sich nicht; wir stehen aber doch wohl allein. Das ist noch keine Katastrophe, zumal – wie ich glaube – die Bundesrepublik in dem Streit recht hat, die Vereinigten Staaten aber unrecht.

Worum es der Bundesrepublik gehe? Fitchett: „Westdeutschland scheint mehr als die meisten seiner Verbündeten der Ansicht zuzuneigen, daß die westliche Sicherheit stärker als bisher durch Entspannung mit der Sowjetunion gesichert werden kann; daher brauche man sich weniger auf militärische Bereitschaft zu verlassen ... Gewiß hat Kohl sich nicht von sowjetischen Schmeicheleien verführen lassen. Aber Diplomaten befürchten, Bonn könne die Gelegenheit wahrnehmen, seine Weltgeltung dadurch zu stärken, daß es sich zur Speerspitze macht für eine neue westliche Politik gegenüber dem in Bewegung geratenen sowjetischen Block.“ Bitte: „Weltgeltung“. Und weiter: „Diese Divergenz zwischen Bonn und seinen Verbündeten könnte die Nato und den westeuropäischen Zusammenhalt untergraben“ (heute und wohl auch morgen noch eine Übertreibung) „und den Druck auf die Sowjetunion schwächen, zu Hause weiter zu liberalisieren und den osteuropäischen Staaten mehr Freiheit zu gewähren.“

In der ZEIT der vorigen Woche rügt Helmut Schmidt die Bundesregierung, sie habe kein Gesamtkonzept für die Verhandlungen mit Moskau (militärisch und wirtschaftlich) vorgelegt, nicht einmal daran gearbeitet. Aber was soll in diesem Gesamtkonzept stehen, wenn über alle wichtigen Punkte, die in ein Konzept gehören, die Bundesrepublik gegen ihre Alliierten steht? So daß keiner zu einem Konzept kommt?

Wir und die Vereinigten Staaten sprechen nicht nur mit verschiedenen Zungen. Wir denken anders. Helmut Schmidt hat einen langen Katalog auch wirtschaftlicher Hilfe für den Ostblock entwickelt. Alles davon kann jeder von uns unterschreiben – aber fast alles wird Washington noch zorniger machen. In der Abrüstung wollen unsere Verbündeten stark zurückhalten: Helmut Schmidt will nach vorn preschen; richtig, aber zur Zeit nicht gerade bündnisstärkend. Es gibt, scheint mir, fast kein Gebiet der Übereinstimmung. Die Vereinigten Staaten und England wollen Gorbatschow vorsichtig folgen, wenn er es denn wirklich ernst meint und sich zu Hause durchsetzen kann. Kohl/Genscher wollen Gorbatschow auch durch Vorleistungen gegen seine Konservativen unterstützen.

Ein Gesamtkonzept müßte es geben – wird es aber nicht. Es sei denn eines gegen die deutschen Überzeugungen. Geht die Allianz daran zugrunde? Dazu ist das Interesse beider Teile an ihrer Bewahrung zu groß. Ohne die Vereinigten Staaten wären wir verloren. Ohne Europa wären die Vereinigten Staaten verloren.