Kurze Zeit nachdem er Chef des bankrotten Automobilkonzerns Chrysler geworden war, trat Lee Iacocca vor seine Belegschaft und sagte: „Es ist Zeit für einen Lohnstopp, Jungens. Ich habe viele Jobs für siebzehn Dollar, aber keinen für zwanzig Dollar die Stunde.“ In den Vereinigten Staaten ist diese Szene berühmt geworden, in einem deutschen Unternehmen wäre sie undenkbar. In den USA konnte das Unternehmen den sicheren Exitus auch Dank der Opferbereitschaft seiner Beschäftigten abwenden und zu einem überaus profitablen Konzern genesen, der sichere und einträgliche Arbeitsplätze bietet; in der Bundesrepublik wäre es pleite gegangen, denn deutsches Tarifrecht behindert freiwilligen Lohnverzicht von Arbeitnehmern selbst dann, wenn sie damit die Firma und ihre Jobs retten wollen.

Klaus Murmann, Präsident der Arbeitgeber und selbst Unternehmer, hat jetzt eine ältere Idee wiederbelebt und vorgeschlagen, Löhne und Gehälter mit einer „ertragsabhängigen Komponente“ zu versehen. Die Einkommen der Beschäftigten, so Murmanns Wunsch, sollen künftig mit den Gewinnen des jeweiligen Unternehmens wachsen oder mit dessen Verlusten schrumpfen. In vielen japanischen Betrieben wird dieses Verfahren längst praktiziert, dort hängen bis zu dreißig Prozent des Jahreseinkommens der Arbeitnehmer von der Ertragslage des Arbeitgebers ab. Ob Murmann eine ähnlich große Schwankungsbreite vorschwebt, ist seinem bisher wenig präzisierten Vorschlag nicht zu entnehmen.

Für die meisten Arbeitnehmer wäre sie kaum tolerabel, und nötig ist sie außerdem nicht, um die gewünschte ertragsabhängige Flexibilisierung der Lohnkosten für die Unternehmen zu erreichen. Die allerdings brächte eine Fülle von Vorteilen für Arbeitgeber und Beschäftigte.

Schon heute hängen Arbeiter und Angestellte in der Privatwirtschaft vom wirtschaftlichen Erfolg „ihres“ Unternehmens ab. Geht der Absatz zurück, müssen sie Kurzarbeit einlegen und so auf Einkommen verzichten. Rutscht das Unternehmen längere Zeit in die roten Zahlen, sind Entlassungen fällig, im äußersten Fall geht das Unternehmen in Konkurs und sämtliche Arbeitsplätze verloren.

Diese harten Anpassungsschritte an die schlechtere wirtschaftliche Lage einer Firma können den Beschäftigten erspart bleiben, wenn sie im Falle eines Falles flexibel mit vorübergehendem Einkommensverzicht die Kosten senken können. Bei Licht besehen, bringen die Arbeitnehmer kein Opfer. Sind die Löhne und Gehälter nach unten starr, trifft sie die Einkommenseinbuße durch Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit, sind hingegen die Einkommen flexibel, haben sie bessere Chancen, durch den Einkommensverzicht den Arbeitsplatz und damit die Einkommensquelle zu retten. Beim nächsten Aufschwung oder bei der nächsten Firmenkonjunktur kann die zuvor erlittene Einkommenseinbuße wettgemacht werden, weil mit den Gewinnen des Unternehmens auch die Löhne und Gehälter steigen.

Bei allem Charme – ein Allheilmittel für alle Wirtschaftslagen sind ertragsabhängige Einkommen nicht. Sie können keine Strukturkrisen meistern und auch nicht auf Dauer gravierende Fehlleistungen des Managements ausgleichen.

Trotzdem bleiben genügend Vorteile, die den Widerstand von Gewerkschaftern wie Hermann Rappe, Vorsitzender der IG Chemie, gegen dieses Konzept schwer verständlich machen. Einige Arbeitnehmerorganisationen fürchten um die Tarifautonomie und die ihnen dadurch zugewachsene Machtstellung. Eine unnötige Sorge, denn Arbeitgeber und Gewerkschaften müßten auch bei flexiblen Löhnen Tarife als Richtmarken aushandeln, um die dann die Löhne und Gehälter pendeln können. Auch Gewerkschaftsmitgliedern dürfte es lieber sein, vorübergehend mit neunzig Prozent des tariflichen Nettogehalts auszukommen, als auf Dauer von 63 Prozent leben zu müssen, die ihnen das Arbeitsamt im Falle der Arbeitslosigkeit überweist. Peter Christ