Von Hansjakob Stehle

Was Jahrzehnte lang den Kommunisten ehrfürchtige Schauer, den Antikommunisten alarmierenden Schrecken eingejagt hat, verflüchtigt sich immer mehr: Die Signale, auf die einmal alle Völker hören sollten, sind von Stalin bis Gorbatschow immer schwächer geworden, wahrnehmbar meist nur noch als flackernde Schlußlichter von Zügen, die in andere Richtungen abgefahren sind. Das hat die auf Marx und Lenin eingeschworenen Parteien vor allem dort betroffen und bewegt, wo sie mit einer demokratischen liberalen Linken konkurrieren müssen. Keine dieser Parteien – außer der italienischen und zeitweise der französischen – vermochte sich ernsthaft als regierungsfähige Alternative anzubieten, viele landeten geradezu im politischen Nichts. Um so aufschlußreicher ist der Versuch, sie alle – auch die winzigsten – einmal nebeneinander vergleichend zu betrachten, wie es in diesem Buch geschieht.

Die Frage des Untertitels ist nur rhetorisch, schon deshalb, weil es den „dritten Weg“ tatsächlich nicht gibt. Nicht von ungefähr wird das Schicksal des „Eurokommunismus“, der in den siebziger Jahren, von Italiens KP ausgehend, einen solchen Weg propagierte, in diesem Buch immer wieder zum Maßstab der Entwicklung. Wobei dieser schillernde, inzwischen verblaßte Begriff letzten Endes nicht mehr besagt als die Notwendigkeit, ganz banale ideologische (nicht unbedingt „historische“) Kompromisse mit der Realität einzugehen – so wie es jetzt auch Gorbatschow versucht, um sein Land vor dem Ruin zu bewahren. Dieser einfache Tatbestand, der bei Kellmanns zuweilen umständlicher, terminologisch aufgeblähter Darstellungsweise unterzugehen droht, kommt gleichwohl in den einzelnen Parteien-Portraits zum Vorschein.

Dabei erweisen sich die Grenzen, die der Autor zwischen nord-, mittel- und südeuropäischen Kommunisten zieht, als fließend; unaufhaltsam erscheint bei allen entweder ihr Abstieg zur einflußlosen Sekte, die sich auch durch Spaltungen nicht vermehrt, oder aber ihr halb gewolltes, halb ungewolltes Abdriften zur Sozialdemokratie – eine Alternative, die in jedem Fall zu Identitätskrisen führt. Denn auch eine KP, die sich an dem festklammert, was sie für „orthodox“ hält im Sinne ihrer traditionellen Moskautreue, muß in Verlegenheit geraten, wenn selbst aus dem Kreml „ketzerische“ Reden ertönen.

Kellmann meint, Gorbatschow könne einer Selbstauslöschung der westeuropäischen kommunistischen Parteien nicht „tatenlos zusehen“. Eben dies aber droht – oder winkt ihnen heute: eine wachsende Gleichgültigkeit des „großen Bruders“ gegenüber ihrem Schicksal, das sie – wenn sie irgendwie überleben wollen – selbst in die Hand nehmen müssen. Die Signale, die von Gorbatschows Reformkurs ausgehen, können das je nach Lage und Geschmack erleichtern oder erschweren, doch sie bedeuten heute weder Befehle, noch eignen sie sich als Alibi für westeuropäische Kommunisten. Ob sie es überhaupt noch bleiben können, fragen sich sogar die italienischen, die das Ende des Sowjetmodells in Osteuropa früher als alle anderen voraussahen und auch jetzt dazu neigen, sein Scheitern mit Reformierbarkeit zu verwechseln.