In der deutschen Litteratur fehlt es vor allem an Lesern, ganz entsetzlich an guten, dankbaren Lesern. Die Schätze liegen bei uns aufgehäuft, wie das Erz in den Gebirgen, dunkel, unausgebeutet, unbenutzt. Und da fällt das blöde Kritikervolk noch ungezogen über die wackern Bergknaben her, die bemüht sind, den Reichthum in Umlauf zu bringen!

Karl August Varnhagen von Ense, 1855.

Auch Bayreuth hat einmal klein angefangen. Und wer weiß, was eines Tages noch aus den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg wird. Ja, nicht wahr, die Provinz. Und wo wäre sie nicht, die Provinz? O Schaubühne, o Schirn, o schöne Hamburg Oper! Andererseits: o Eschede, o Weiden in der Oberpfalz! Das ist schon erstaunlich. In Eschede zum Beispiel, in der nördlichsten Südheide, gibt es zum zweiten Mal – vom 25. bis zum 28. Mai 1989 – ein Festchen, das allerdings Metropolenneid erweckt. Eine schlichte „Bürgerinitiative in Sachen Kultur“ namens „Randlage Eschede“ feiert hier ein „Heide(n)spektakel“, und in der Glockenkolk-Halle (so heißt das) wird nicht nur George Taboris 75. Geburtstag gefeiert, sondern es gibt auch Tabori-Theater und Tabori-Filme... André Kaminski liest und Hans Wollschläger und Gerhard Rühm... Musik von Mauricio Kagel wird uraufgeführt, und in der „Großen Sporthalle“ schockieren Georg Ringsgwandl und Band. Wer dabei sein will, der wähle (05142) 411-0, und falls der Fremdenverkehrsverein nicht gerade zu Tisch ist, wird er sicherlich gerne eine Karte reservieren. Auch Hotels und Pensionen (Komfortklasse: 80 Mark, Schlichteres auch in den Kategorien 25, 20 und 15 Mark) vermittelt er natürlich – „Im Preis enthalten: Übernachtung mit Frühstück und ein Begrüßungstrunk in der Escher Musenmöhl“. Ist versprochen. Dabei kann man sich schon vierzehn Tage vorher, vom 2. bis zum 7. Mai, in Weiden in der Oberpfalz am „Schwarzen Theater“ aus Prag delektieren – und vor allem an jeder Menge neuer tschechoslowakischer Literatur. Ein fabelhaftes Unternehmen, diese Weidener Literaturtage für die Künstler von der anderen Seite der Grenze, gerade angesichts des nicht enden wollenden Prager Winters. Bohumil Hrabal ist eingeladen und Petr Kabes, Ivan Wernisch und Milan Uhde. Eine Woche Mitteleuropa also, organisiert vom guten alten Kulturamt (Telefon: 0961/81-411/2). Und wer wissen will, wo Weiden liegt: praktisch gleich neben Bayreuth.