Perestrojka marktgerecht

Reisen bildet, sagt sich die SPD und macht Glasnost und Perestrojka zur Touristenattraktion. Für den September offeriert ihr Reiseservice einen Sonderzug auf der Transsib bis zum Baikalsee, in den auch sowjetische Wissenschaftler zu einem Symposium über die Wandlungen in der UdSSR einsteigen werden. Außerdem soll es Betriebsbesichtigungen geben. „Während dieser Sonderreise“, heißt es im Prospekt, „können Sie neben den berauschenden Eindrücken einer Fahrt durch die unendlichen herbstlichen Weiten Sibiriens tiefe Einblicke in die aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklung der Sowjetunion gewinnen.“ Kapitalistischer Vermarktung sind eben keine Grenzen gesetzt.

Wilder Osten

Angewandte Demokratie ist eine schwierige Disziplin, insbesondere in Niederbayern. In diesem Regierungsbezirk handelte so mancher Bürgermeister nicht nach Geist und Buchstaben der bayerischen Gemeindeordnung. Artikel 18 schreibt eine Bürgerversammlung pro Jahr vor. Allein, in einem Drittel der Gemeinden waren solche Veranstaltungen in den vergangenen Jahren unbekannt. In Pöcking hatte der Schulze sogar 14 Jahre lang darauf verzichtet. Das fanden die Grünen des Kreisverbandes Passau-Land heraus, indem sie bei höchsten Stellen nachbohrten. Nun antwortete ihnen die Regierung zu Landshut, man habe 1988 nur noch fünf Prozent schwarze Schafe gezählt; künftig sollen sämtliche Gemeinden Bürgerversammlungen durchführen. Und die Grünen freuen sich, daß im „wilden Osten Bayerns“ nun ein bissl mehr Demokratie angewandt wird.

Benazir und ihr Bruder

Die Bhutto-Dynastie herrscht nun wieder in Pakistan – wenn auch fürs erste noch auf wackligem Fundament. Dem schwarzen Schaf der Familie aber bleibt die Heimkehr verwehrt. Und das aus gutem Grund. Rühmte sich doch Murtaza Bhutto, älterer Bruder der Ministerpräsidentin Benazir, jüngst in einem Interview mit dem Observer fünf – erfolgloser – Mordanschläge auf den im vergangenen Jahr tödlich verunglückten Ex-Diktator Zia ul-Huq. Murtazas Motiv: Rache für die Hinrichtung seines Vaters Zulfikar Ali Bhutto. Zia ließ den Sohn seines Vorgängers in Abwesenheit zum Tod verurteilen. Murtaza hat seine eigenen Vorstellungen, wie die Regierung seiner Schwester zu sichern sei: Er wolle die Massen bewaffnen, um die Rückkehr des Militärs an die Macht zu verhindern. Benazir dürfte über die brüderlichen Ratschläge alles andere als begeistert sein. Das Interview sei gefälscht, behauptet denn auch der Bhutto-Clan. Die Dynastie weiß: Legt sie sich mit dem Militär an, dann legt sie Hand an die eigene Herrschaft.