Mexiko, achtmal so groß wie die Bundesrepublik mit rund 70 Millionen Einwohnern, gehört zu den sogenannten „Schwellenländern“. Bei zielstrebiger Entwicklung der Industrie unter Nutzung der bedeutenden Ölvorkommen könnte es sehr rasch eine der potentiellen Großmächte der Dritten Welt werden. Schon heute spielt es in der Auseinandersetzung zwischen den USA und Mittelamerika eine wichtige Rolle. Aber die Masse der Bundesbürger weiß kaum etwas von Mexiko, außer vielleicht der Tatsache, daß hier vor zwei Jahren die Fußballweltmeisterschaft stattfand, die wir fast gewonnen hätten.

Angesichts der langsam wachsenden Erkenntnis, daß ein wirtschaftlich reiches und politisch einflußreiches Land wie die Bundesrepublik auf Zusammenarbeit mit der Dritten Welt angewiesen ist, wie im Hinblick auf die nach wie vor ungebrochene Reiselust der Bundesbürger, ist die Veröffentlichung eines Buches über dieses Land ein Verdienst. Daß Jörg Hafkemeyer, Rundfunkkorrespondent der ARD dort, sich in seinem Buch nicht auf die Schilderung von Land, Leuten und Kulturdenkmälern beschränkt, macht es zu einer interessanten Lektüre auch für Kenner des Landes. Er bemüht sich, die Widersprüche deutlich zu machen, die Besucher wie Kenner des Landes immer wieder verwirren: den Stolz der Mexikaner auf ihre indianische Herkunft und gleichzeitig die miserable Behandlung der dort lebenden Indianer heute; die Existenz riesiger Latifundien und einer dünnen Schicht sagenhaft reicher Familien in einem Staat mit einer radikalen sozialistischen Verfassung; das von tiefen Ressentiments und zugleich vom Streben nach gutnachbarlicher Zusammenarbeit gekennzeichnete Verhältnis zu den benachbarten USA. Er erklärt das Zustandekommen solcher scheinbar unvereinbaren Gegensätze, ohne zu kritisieren; er berichtet, ohne dem Leser sein Urteil aufzudrängen, und macht dadurch das Land wie seine Menschen verständlich.

Trotz der Kompliziertheit einiger der aufgegriffenen Themen liest sich das Buch leicht. Der Autor benutzt die bewährte Technik des Rundfunckorrespondenten, das Interesse des Lesers durch Berichte über kleine alltägliche Begebenheiten einzufangen und ihn dann schrittweise an das eigentliche Thema heranzuführen. Unbegreiflich aber ist, daß der Verlag auf eine Karte Mexikos verzichtet hat. Peter Grubbe

  • Jörg Hafkemeyer:

Mexiko

Georg Westermann Verlag, Braunschweig

1988; 231 S., 29,80 DM