Von Andreas Kill

Die Philosophieprofessorin Marion, 50, verheiratet, kinderlos, hat einen Traum. "Ich befand mich in einer Straße, die ich kannte..." Da ist ein Theatereingang; Marion geht hinein. Eine blonde, hochschwangere Frau im weiten Mantel lädt sie ein, näherzutreten. Auf der Bühne wird Marions Leben gespielt. Sie sieht Sam, ihren ersten Ehemann, in einem Hotelzimmer zusammenbrechen, zermürbt, ausgelöscht von Tabletten und Alkohol. Sie hört Ken, ihren zweiten Ehemann, über die "Ruhephase" ihrer Beziehung reden und darüber, daß Marion halt nicht der Typ Frau sei, mit dem man es auf dem Holzfußboden im Wohnzimmer treiben könne. Sie begegnet Larry, dem Mann, der sie verzweifelt geliebt und den sie abgewiesen hat, und Larry erzählt ihr, er lebe jetzt glücklich mit einer anderen Frau in Kalifornien. Genug, genug! Marion will fliehen, Reißaus nehmen vor ihrem Leben, vor Larry und Ken und Sam und dem Theater des Daseins. "Schauen Sie sich doch noch den zweiten Akt an", bittet der Regisseur hinter seinem erleuchteten Pult. Und plötzlich ...

Plötzlich ist es, als hätte man diese Szenen, diese Bilder schon einmal gesehen, vor langer Zeit. Damals spielten Liv Ullmann, Ingrid Thulin und Giulietta Masina solche Frauen wie Marion, Erland Josephson und Marcello Mastroianni solche Männer wie Larry, Sam und Ken. Damals hießen die Regisseure Ingmar Bergman und Federico Fellini, die Filme "Das Schweigen", "Wilde Erdbeeren" und "Julia und die Geister". Jetzt heißt der Regisseur Woody Allen und die Hauptdarstellerin Gena Rowlands, und Bergman und Fellini sitzen im Parkett und applaudieren dem begabten Schuler. Endlich hat einer das Schweigen, die Geister, die Ehen und die Einsamkeit wieder auf die Leinwand gebracht! Und ausgerechnet Woody, der Spaßvogel, der Komiker, der Unglücksrabe! Ist das nicht Woody Allens Traum? Oder sein Alptraum?

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"Eine andere Frau" heißt der Film, der die Geschichte Marions erzählt. Es ist Woody Allens siebzehnter, und es hätte sein schwächster werden können. In "Manhattan" hat Allen sein Alter ego Isaac Davis zum August-Strindberg-Preisträger gemacht; für "Eine andere Frau" hätte er mindestens die Bergman-Medaille und den Fellini-Orden verdient. Betrachtet man den Film mit einem bösen Blick, dann wirkt er wie eine Abschlußarbeit: Woody Allen besteht die Regisseursprüfung der europäischen Autorenakademie mit Auszeichnung. Einige amerikanische Kritiker haben Woody Allens neues Werk mit diesen Augen gesehen und es übel verrissen. Aber vielleicht braucht man für "Eine andere Frau" eben auch einen anderen Blick. Dann sieht man plötzlich einen ganz anderen Film. "Eine andere Frau": kein Schüler-, sondern ein Meisterwerk.

Wie kaum ein anderer großer Regisseur, ausgenommen vielleicht den Hitchcock-Epigonen Brian de Palma, hat Woody Allen die Verehrung für seine künstlerischen Vorbilder zum Leitmotiv seiner Filme gemacht. Die Tolstoi-Reminiszenzen in "Die letzte Nacht des Boris Gruschenko", die Bergman-Anklänge in "Innenleben", die fellinesken Phantasien der "Stardust Memories", die Shakespeareschen Maskenspiele der "Sommernachts-Sexkomödie": fast jeder Woody-Alien-Film ist auch der Film eines Verehrers, der seinem ästhetischen Leitstern, elegant oder linkisch, die Reverenz erweist. Woody und die Meister: das ist die Geschichte einer grenzenlosen, oftmals unglücklichen und unerwiderten, aber stets unerschütterlichen Liebe. In "Broadway Danny Rose" heißt es einmal über den rührend erfolglosen Kleinkunst-Manager Danny (gespielt von Woody Allen), er habe seine Künstler mehr geliebt als sich selbst. Woody Allen liebt die Kunst so sehr, daß er manchmal ihr Opfer wird.

Denn Woody Allen ist ein Komiker. Die Komödie hat ihn berühmt gemacht, an der Komödie hat er sein Leben lang gelitten. Ein Jahrzehnt hartnäckigen Spaßmachens und Witzeerfindens hat er gebraucht, um seinen ersten "seriösen", bitteren und traurigen Film drehen zu können: "Innenleben" (1978). Darin trat er, zum ersten Mal, nicht mehr selber auf; aber das Kinopublikum, süchtig nach Woodys Sottisen über Gott, die Welt und die Steakrestaurants von Manhattan, lehnte den Film ab, und Allen mußte wieder in seine alten Rollen schlüpfen. Immer dann, wenn er wieder einen ernsten Film gedreht hatte und bei seiner Gemeinde durchgefallen war, mußte er zur Strafe wenigstens ein lustiges Werk vollbringen. Nach "Innenleben" drehte Woody Allen "Manhattan", nach "Stardust Memories" die "Sommerrachts-Sexkomodie", nach "Hannah und ihre Schwestern" "Radio Days". So büßte der Komödiant für seine Liebe zur Tragödie.