Nakasone indes scheint gute Gründe für seine vornehme Zurückhaltung zu haben. Dabei geht es ihm wohl weniger um die 29 000 Recruit-Cosmos-Aktien, die seine Sekretäre und diverse seiner 19 als wissenschaftliche Forschungsgruppen getarnten Inkassovereine für ihren Meister übernahmen. Denn inzwischen ist die wegen des plumpen Ehrgeizes, mit dem Recruit-Gründer Ezoe den Machtapparat der "Japan AG" zu kaufen suchte, oft lächerlich groteske Recruit-Posse zu einem Fall NTT ausgeufert. Während Recruit sich NTT mit Aktiengeschenken gefügig machte, stand der damals noch in vollem Staatsbesitz befindliche Fernmeldemonopolist der Regierungspartei zu Diensten. So jedenfalls stellt es jetzt der ehemalige NTT-Chef Shinto dar. In einem Interview mit der Asahi Shimbun kurz vor seiner Verhaftung schilderte Shinto, wie man Präsident von NTT werden konnte: Durch einen Gang zum Großmeister der Geldpolitik, zu Kakuei Tanaka.

Sein Rivale habe dem wegen des Lockheed-Prozesses aus der Kulisse agierenden Königsmacher der LDP damals versprochen, von 3000 NTT-Zulieferfirmen je eine Million Yen (heute rund 14 000 Mark) für die LDP-Kriegskasse Tanakas zu kassieren, sollte er das Rennen machen. Die Industrie machte sich jedoch für Shinto stark. 1982 half Tanaka seinem Zögling Yasuhiro Nakasone ins höchste Amt des Staates.

"Die NTT-Firmenfamilie mußte jedem Politiker wie eine Goldmine erscheinen", vermutet die Asahi Shimbun. Die Männerfreundschaft zwischen Shinto, der seinen Rivalen ausgestochen hatte, und Premier Nakasone konnte ihren Anfang nehmen. Als NTT im Frühjahr 1985 – nach den Aktiengeschenken durch Recruit – privatisiert wurde, schlossen sich über 20 000 leitende Mitarbeiter spontan zu einem "Alljapanischen Fernmelde-Förderverein" zusammen. Der kassierte zweimal jährlich zwischen 5000 und 30 000 Yen je nach Rangstufe des Mitglieds. Wem die umgerechnet elf Millionen Mark jährlicher Fördergelder zugute kamen, hat Shinto noch nicht verraten. Wohl aber, daß er einen Teil seiner Recruit-Schmiermittel an die LDP weiterleitete.

Auf seiner jüngsten Pressekonferenz verhedderte sich Nakasone bereits nachhaltig in Widersprüche. Die Kernfrage blieb offen: Macht in den Chefetagen der japanischen Politik überhaupt jemand einen Finger krumm, ohne dabei gleich die Hand aufzuhalten?

Kein Wunder, daß die LDP alles versucht, eine Vorladung Nakasones vor den Parlamentarischen Untersuchungsausschuß zu verhindern. Denn schließlich war es Nakasone, der im Herbst 1987 Noboru Takeshita ohne Abstimmung der Partei zu seinem Nachfolger bestimmte: Wird Nakasone zur Verantwortung gezogen, ist es um seinen Schützling Takeshita geschehen.

Die Zeit drängt

Das wäre für die LDP noch erträglich, gäbe es einen Politiker von Format, der eine neue Regierung bilden könnte. Doch der ist nicht in Sicht: Alle Aspiranten von Rang trennt von staatsanwaltschaftlicher Untersuchung nur noch die parlamentarische Immunität. "Was wir auch tun, wir sitzen doch längst auf der Anklagebank", sorgt sich der LDP-Abgeordnete Takashi Sasagawa vom Nakasone-Flügel. Sein Kollege Norio Imaeda von der der Takeshita-Flügelgruppe ergänzt: "Heute sieht es doch so aus, daß die ganze LDP schuldig ist."