Wie bringt man am besten eine These unter die Leute, die vierzig Jahre Weltkriegsforschung auf den Kopf stellt und Antikommunisten, Alt- und Neonazis, Deutschnationale und die klugen Köpfe der FAZ beglückt? Das Rezept ist einfach: Man nehme einen übergelaufenen Offizier des militärischen Geheimdienstes der Sowjetunion mit Generalstabsausbildung, setze ihn in ein Camp des britischen Secret Service, gebe ihm den Namen eines berühmten russischen Feldherrn, dazu Gelegenheit, die Memoiren von Stalins Marschällen und die Moskauer Militarhistorische Zeitschrift zu studieren und empfehle als Beitrag zur Kriegsgeschichte, was unter der Hand zum antikommunistischen Pamphlet geraten ist, von billiger und grobschlächtiger Art.

"Desinformazija" – diesmal von der anderen Seite? Womöglich nur, um neue Russen- und Bolschewikenfurcht zu schüren? Denn was soll ein Satz wie dieser: "Die Gründungsdeklaration der UdSSR war eine ehrliche und offene Kriegserklärung an die gesamte restliche Welt. Die Deklaration besitzt Gültigkeit bis auf den heutigen Tag, niemand hat sie zurückgenommen ... ein offizielles Dokument über das Hauptziel eines riesigen Staatsgebildes: sämtliche anderen Staaten der Welt zu liquidieren, um sie sich selbst unterzuordnen"

Nach Ansicht "Suworows" ist nicht Hitler, sondern Stalin der Hauptschuldige am Zweiten Weltkrieg. Zitate aus der weltrevolutionären Fruhphase der Sowjetunion sollen belegen, daß Stalin planmäßig Hitler als "Eisbrecher der Revolution" aufgebaut, ihn in den Krieg getrieben und so lange unterstützt hat, bis er Europa zerstört und unterjocht hatte, so daß nun Stalin als Befreier Europas auf den Plan treten konnte.

Der Autor häuft Indizien auf Indizien, um nachzuweisen, daß die Sowjetunion im Sommer 1941 drauf und dran war, Deutschland zu überfallen (oder nur Rumänien, Hitlers Erdöllieferanten? Ganz sicher ist sich "Suworow" da nicht). Die Fakten waren längst bekannt: daß die Rote Armee mit 170 Divisionen hinter den Grenzen aufmarschiert war und heimlich aus den Tiefen des Landes weitere 77 Divisionen als zweite Staffel nach Westen verlegte, daß die Bewaffnung dieser Armada auf Angriff, nicht, auf Verteidigung abgestellt war, daß Grenzbefestigungen kaum existierten. Auf den Bahnhöfen standen die Munitions- und Treibstoffzüge dicht an dicht, auf den grenznahen Feldflugplätzen die Maschinen Flügel an Flügel. "Suworows" gewichtigstes Argument: Die sowjetischen Truppen hatten keine Winterquartiere, und die angeblich ins Sommermanöver geschickten 800 000 Reservisten habe man nicht mehr zurückschicken können, weil sonst das ohnehin überlastete Transportsystem zusammengebrochen wäre. Wollte Stalin die Millionen Soldaten Monate Gewehr bei Fuß stehen lassen, hätte er auf den Kolchosen und in den Gulag-Lagern eine Hungersnot riskiert.

Diese Fakten lassen sich auch anders interpretieren: mit der schematischen, stur befolgten Militärdoktrin der Roten Armee, daß im Falle eines aufgezwungenen Krieges (diesen Satz unterschlägt der Autor) mit aller Macht der Krieg ins Territorium des Feindes getragen wird. Verteidigung hatte die Rote Armee sträflich vernachlässigt.

Dutzende von Warnungen vor der deutschen Offensive hatte Stalin erhalten, er mußte also seine Streitkräfte in Mobilmachungsbereitschaft versetzen ("Suworow" verwechselt sie mit Mobilmachung), aber er brauchte noch eine Atempause, da weder die Umorganisation der Roten Armee noch die Modernisierung der Rüstung abgeschlossen war. Darum sein monatelanges Liebeswerben in Berlin, wo man ihm die kalte Schulter zeigte, darum das Übersoll an Getreide- und Rohstofflieferungen für Deutschland, darum seine Angst, auf Provokationen der Deutschen oder auch der Engländer hereinzufallen. Der Autor erkennt nur arglistige Täuschung. Hitler sei zum Präventivkrieg gezwungen worden und aus purem Glück Stalin um ganze zwei Wochen zuvorgekommen.

Wissenschaftlich ist längst erwiesen, daß Hitler vom Präventivkrieg nur sprach, um seine räuberischen Motive zu verbergen. Wie Napoleon wollte er England den letzten Festlandsdegen aus der Hand schlagen und bei dieser Gelegenheit gleich seinen Traum verwirklichen, Rußland in ein deutsches Indien zu verwandeln. Für den Diktator und seine ebenso siegestrunkenen und vermessenen Militärs war Rußland ein Nebenkriegsschauplatz – in vierzehn Tagen bis sechs Wochen sollte alles erledigt sein. So viel Dummheit und Verblendung mochte Stalin den Deutschen nicht zutrauen. Auch "Suworow" hat es nicht kapiert.

Karl-Heinz Janßen