Von Erhard Hobert

Ach – diese japanischen Hostessen! Diese Lift- und Pullman-Sirenen mit ihren betörenden Keigo-Stimmen und der melodischen Syntax! Diese Inkarnationen ätherischer Anmut, man möchte sie einfach mitnehmen aus dem Land des Lächelns ins Land der teutonischen Schwere und ruppigen Griesgrämigkeit.

Die Hostessen arbeiten für das „Tourist Information Center“ in Tokio. Dorthin muß sich wenden, wer das Homevisit-System testen will. Ähnlich wie in einem Eheanbahnungsinstitut gibt man dort eine Art Steckbrief seiner Person ab und erhält am nächsten Tag die Adresse einer Gastgeberfamilie. Dazu halten die charmanten Office-Girls einen dicken Umschlag bereit. In dem Kuvert entdecken wir neben Prospekten und Plaketten einen Beurteilungsfragebogen über die Gastfamilie – die unerbittliche japanische Qualitätskontrolle macht auch vor dem Homevisit-System nicht halt. Ferner findet sich darin eine Reihe von Hinweisen über die Dauer des Besuchs (rund zwei Stunden), mögliche Geschenke (vorgeschlagen werden Blumen, Obst, Süßigkeiten), die zu erwartende Bewirtung (Tee, Gebäck) und, für westliche Barbaren offenbar unentbehrlich, ein Elementarknigge über landesübliche Umgangsformen sowie Minimal-Informationen über die Grundeinrichtung eines japanischen Hauses.

Solcherart vorbereitet bringt uns ein Taxi gegen Abend in die Nähe der Gastgeberwohnung. Infolge der labyrinthischen Hausnumerierung ist es distriktfremden Taxifahrern in den älteren Stadtteilen Tokios in der Regel nicht möglich, die Adressen direkt anzufahren. Man bedarf eines Anlieger-Lotsen, um zum Ziel zu gelangen. Dieser steuert alsbald – Pünktlichkeit ist nicht nur die Höflichkeit der Deutschen und der Könige – fröhlich hüpfenden Schrittes in Gestalt unserer Homevisit-Partnerin, Frau Sawamoto, auf uns zu.

Die Familie bewohnt ein schlichtes Eckhaus. Der Hausherr begrüßt uns herzlich – wie bereits zuvor Madame – mit Handschlag und Verbeugung. Es folgt das übliche Ritual des Schuhstriptease gemäß der Grundregel japanischer Fußentkleidungsetikette: im Vorraum Schuhe, im Hausflur Hausschuhe, in Wohnräumen Strümpfe. „Nur Diebe betreten mit Schuhen das Haus“, sagt ein einheimisches Sprichwort – „und Barbaren“, möchte man hinzufügen.

Welch zivilisatorische Errungenschaft, diese schuhfreien Zonen des japanischen Heims. Wann werden wir Europäer diesen Standard der Fußbodenhygiene übernehmen? Wann werden wir aufhören, gestiefelt und gespornt durch unsere Wohnräume zu poltern und Verschmutzung nur am Maßstab des Sichtbaren zu messen? Wann werden Millionen trittschallgestreßter Untermieter und arbeitsgeplagter Hausfrauen aufatmen und ein Stück Lebensqualität hinzugewinnen?

Die Kinder werden vorgestellt: ein Mädchen, zwölf Jahre alt, schüchtern und offenbar durch den Anblick der fremdartigen Besucher erschreckt. Den Rest des Abends wird sie im Hintergrund mit einer Bastelarbeit verbringen, nur hin und wieder einen scheuen Blick auf die unheimlichen Eindringlinge werfend. Ihr zehnjähriger Bruder erweist sich als kontaktfreudiger und zieht sich sogleich mit dem jüngsten Home Visitor zum Videospiel zurück, in dem „Superman“ und „Space Invaders“ ihre völkerverbindende Faszination entfalten.