Von Shepard Stone

CAMBRIDGE. – Man braucht weder Deutscher noch an der Spree geboren zu sein, um sich als „Berliner“ zu fühlen. Aber heutzutage tun wir „Berliner“ außerhalb Berlins uns etwas schwer. Was geschieht eigentlich in unserer Stadt?

Berlin ist nicht die einzige Großstadt mit argen Problemen. Überall kennt man Sorgen um Arbeitsplätze und Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, soziale Mißstände, Drogen, Zuzug von Außenseitern und Umweltzerstörungen. Überall müssen Politiker nach Lösungen suchen, wenn sie nicht selbst bei der nächsten Wahl arbeitslos werden wollen. Aber in New York, Paris und London bewegt man sich bei der Suche nach Antworten in den Bahnen der Wirklichkeit. Aus alter Erfahrung weiß man, daß es trotz der Schwächen des demokratischen Systems kein besseres gibt.

Washington ist über die Berliner Entwicklung nicht aufgeregt, aber besorgt. Man weiß noch nicht, was die Koalition „Rot-Grün“ für Berlin und für die Bundesrepublik bedeuten wird. Mehr als bisher in der Öffentlichkeit bemerkt, ist man über die Republikaner beunruhigt. Vor 16 Jahren hat eine andere Partei, auch aus München kommend, das „Volksempfinden“ schon einmal erregt.

In Berlin und in der Bundesrepublik gibt es offenbar Anzeichen einer deutschen Eigentümlichkeit: Alle vierzig oder fünfzig Jahre beginnt es in deutschen Seelen zu pochen und zu rumoren; Träume und Emotionen, gemischt mit Haß gegen Außenseiter, drängen zu einer Flucht ins Ungewisse. Das wäre nicht so wichtig, wenn es eine rein innerdeutsche Angelegenheit wäre. Aber im Ausland ist man empfindlich.

Wo immer man sich in Amerika mit Außenpolitik befaßt – sei es in Washington, sei es unter Akademikern, Journalisten oder in der Geschäftswelt –, gibt es viele, die trotz gelegentlicher Kritik die Bundesrepublik und Berlin bewundern. Sie sind nicht nur vom deutschen Wirtschaftserfolg beeindruckt. Viele schätzen auch die demokratischen Institutionen, das soziale Netz, die Freiheit der Presse in der Bundesrepublik. Sie sehen in Westdeutschland einen entscheidenden Partner der westlichen Gemeinschaft. Und einige, nicht alle, verstehen, daß Bonn wegen der geographischen Lage und der Spaltung Deutschlands und Berlins an besseren Beziehungen zur Sowjetunion und Osteuropa gelegen sein muß.

Amerikaner wissen auch, daß die meisten heutigen Deutschen erst nach der Hitlerzeit geboren und nicht verantwortlich für die Nazi-Verbrechen sind. Aber man wünscht sich etwas mehr Geschichtsbewußtsein, und deshalb gibt es Beunruhigung über einige Tendenzen auf den extremen Flügeln der Politik. Überhaupt sieht man in Berlin und in der Bundesrepublik Anzeichen dafür, den Sündenbock für interne deutsche Probleme bei Asylbewerbern und Ausländern zu suchen, wie Hitler es damals bei den Juden tat.