Von Michael Wolffsohn

MÜNCHEN. – Fast hätte es wieder neue deutsch-jüdische Turbulenzen gegeben. Da mußte nämlich über eine Frage entschieden werden, die rechtlich geklart schien: ob junge deutsche Juden in der Bundesrepublik wehrpflichtig sind. Vor wenigen Wochen ist die Entscheidung in Bonn gefallen: Sie sind es, in der Praxis wenigstens, nicht.

Schon vorher galt nach den Bestimmungen des Wehrpflicht-Gesetzes und des Bundesentschädigungs-Gesetzes, daß Wehrpflichtige vom Dienst in der Bundeswehr zu befreien sind, wenn „deren ältere Brüder oder, falls keine Brüder vorhanden waren, deren ältere Schwestern an den Folgen“ der NS-Untaten gestorben sind. Die Praxis erweiterte diese Regelung stillschweigend: Wenn deutsche Juden dieser zweiten Generation sich nicht gerade in die Bundeswehr drängten, wurden sie freigestellt, ganz gleich, wie viele Familienangehörige im Holocaust umgekommen waren.

In einem Fall jedoch geschah das nicht. 1988 wurde ein junger Jude der dritten Generation, dessen Großeltern ebenso wie seine Eltern das Judenmorden überlebt hatten, einberufen. Er ging vor Gericht und verlor. Juden könnten nicht automatisch vom Wehrdienst befreit werden – aus Gründen der Rechtsgleichheit –, entschied ein Ansbacher Gericht im Oktober.

„Mit dieser Vergangenheit, die ich persönlich habe, kann ich es einfach nicht aushalten, in der Bundeswehr zu dienen, die sich als Nachfolgerin der Deutschen Wehrmacht versteht, die durch den ganzen Krieg, den sie geführt hat, die Endlösung erst möglich gemacht hat“, so begründete der vor Gericht unterlegene junge Mann seine Klage. Die jüdischen Gemeinden und der Zentralrat der Juden in Deutschland griffen das Thema auf. Auch die Enkel der Verfolgten seien von der allgemeinen Wehrpflicht freizustellen. „Ein Sonderstatus ist aufgrund der geschichtlichen Ereignisse... schlicht und ergreifend da“ erklärte Hermann Alter, bis vor kurzem noch Direktionsmitglied des Zentralrates.

Vor wenigen Wochen beschlossen Bundeskanzler und Verteidigungsminister in Bonn entsprechend: Künftig werden auch die Enkel der jüdischen Holocaust-Überlebenden vom Wehrdienst freigestellt. So ist denn die Entscheidung gefallen, aber ist sie auch richtig?

Einmal stimmt es ja nicht, daß die Bundeswehr in ihrer Tradition in der Kontinuität der Wehrmacht steht. Im heute gültigen, vom damaligen Verteidigungsminister Hans Apel herausgegebenen Traditionserlaß vom 20. September 1982 heißt es unter anderem: „In den Nationalismus waren Streitkräfte teils schuldhaft verstrickt, teils wurden sie schuldlos mißbraucht. Ein Unrechtsregime wie das Dritte Reich kann Tradition nicht begründen.“ In der Traditionspflege sei „besonderer Wert“ auch auf das „Leiden der Verfolgten und Gedemütigten“ zu legen. Nur mit Personen oder Verbänden, „die in ihrer politischen Grundeinstellung den Werten und Zielvorstellungen unserer verfassungsmäßigen Ordnung verpflichtet sind“, dürften im Rahmen der Traditionspflege Begegnungen stattfinden. Gewiß, da gibt es Vollzugsdefizite, aber die Bundeswehr begreift sich gerade nicht als Fortsetzung der in die Schuld der Nationalsozialisten verstrickten Wehrmacht.