Von Marion Gräfin Dönhoff

Manchmal könnte man meinen, irgend etwas an dem Rotationswerk unserer alten Erdkugel sei in Unordnung geraten, so daß nun die Umlaufgeschwindigkeit jeder festen Proportion enthoben, ständig an Beschleunigung zunimmt. Den Menschen ergeht es dabei so wie dem Flieger, der mit 1500 km Stundengeschwindigkeit dahinbraust und nur das realisiert, was bereits 50 oder 100 Meter hinter ihm liegt.

Wenn man beispielsweise heute in der britischen Zone eine Agrarreform durchführt mit der gewissermaßen klassenkämpferischen Begründung: „um die Macht der Großgrundbesitzer zu brechen“, so ist dieses Leitmotiv – das in der wilhelminischen Ära sicherlich seinen guten Sinn gehabt hätte – heute wirklich ohne jede Aktualität. Alle Erkenntnisse auf betriebswirtschaftlichem Gebiet, vor allem in Amerika, beweisen immer wieder, daß der landwirtschaftliche Großbetrieb – nicht der Latifundienbesitz – in der modernen Agrarwirtschaft ganz unentbehrlich ist. Die englische Besatzungsmacht hat zweifellos eine sehr große Verantwortung übernommen, als sie im September 1947 mit der Verordnung 103 den Befehl zur Bodenreform erteilte und den einzelnen Ländern die Durchführung übertrug; denn diese Maßnahme wird auf Generationen hinaus die Struktur der deutschen Agrarwirtschaft bestimmen. Wenn die Militärregierung kürzlich das Bodenreformgesetz von Nordrhein-Westfalen ablehnte und sich entschlossen hat, kurz vor Errichtung einer verantwortlichen deutschen Bundesregierung für Nordrhein-Westfalen und für Niedersachsen die Durchführung der Bodenreform auf dem Verordnungswege zu regeln, so kann man nur hoffen, daß dies geschieht, um die Fehler der ersten Verordnung zu korrigieren.

Die englische Verordnung hat sich in doppelter Hinsicht sehr unglücklich ausgewirkt. Einmal deshalb, weil der Streit um die dogmatische Totallösung verhindert hat, daß in diesen vier Jahren irgend etwas Positives geleistet worden ist. Hätte man sich zunächst damit begnügt, die schlecht bewirtschafteten Betriebe an erfahrene, tüchtige Betriebsleiter zu verpachten, so wäre die Zwischenzeit nicht ungenutzt verstrichen. Die eigentliche verheerende Wirkung der ersten englischen Verordnung, zu deren Korrektur die zweite hoffentlich erlassen wird, liegt aber in der Bestimmung, daß jedes Land seine eigene Bodenreformgesetzgebung erlassen soll.

Bisher haben sich in der Ländergesetzgebung zwei verschiedene Tendenzen gezeigt. Die eine – für die Schleswig-Holstein typisch ist – hat offenbar das Ziel: nicht zu siedeln, sondern im Zuge der Bodenreform lediglich den Einzelbesitzer durch einen bürokratischen Apparat zu ersetzen. Die andere Richtung, die dem niedersächsischen Gesetz zugrunde liegt, will nicht enteignen um des Enteignens willen, sondern jeweils nur nach Maßgabe der tatsächlichen Siedlungsmöglichkeit, um dadurch die unvermeidlichen Produktionsstörungen der Übergangszeit auf ein möglichst geringes Maß herabzuschrauben.

In Schleswig-Holstein sieht die Durchführungsbestimmung vor, daß zunächst einmal der Mehrfach-Besitz (mehrere Betriebe in einer Hand) zur Bodenreform herangezogen wird. Darunter fallen insgesamt 75 000 ha, von denen 22 000 ha verpachtet, 53 000 ha selbstbewirtschaftet sind. Die verpachteten Betriebe werden von der Landstelle, die ein Teil des Ministeriums ist, übernommen, die selbstbewirtschafteten von der Landgesellschaft. Sie ist für die Bewirtschaftung verantwortlich – womit denn die Möglichkeit gegeben wäre, wieder ein neues Heer von Verwaltungsbeamten zu beschäftigen. In einem Bericht der sozialdemokratischen Volkszeitung über einen Presseempfang des Landesministers Diekmann vom 24. 2. 1949 heiß es: „Die Pächter werden nach Möglichkeit auf diesen Gütern belassen, ebenso die Administratoren“ – und die Flüchtlinge und Siedlungsanwärter gucken in den Mond, ist man versucht hinzuzufügen. Der Managerkomplex ist offenbar eine unausrottbare moderne Krankheit.

Das schleswig-holsteinische Gesetz führt im einzelnen dazu, daß der Resthof des Eigentümers schon von vornherein zur Lebensunfähigkeit verurtelt wird, denn er muß praktisch den Lastenausgleich für den enteigneten Grund und Boden mitübernehmen.