Von Anna von Münchhausen

Zwei Sätze, und die Frau mit der Feuermähne ist beim Kern der Sache: "Ich trage selbst Größe 48", sagt die Berliner Designerin Brigitte Haarke. Die Art dieses Bekenntnisses hat etwas vom Mut des Coming out.

Und mit ihrer Antwort auf die klassische Frage, ob sie sich für ihre Mode eine bestimmte Frau vorstelle, setzt sie gleich noch eins drauf: "Ich habe einfach nur die dicke Frau im Auge."

Keine verschämte Beschönigung, keine Rede von vollschlank, mollig, pfundig et cetera, sondern Klartext. Frauen jenseits der Konfektionsgrößen 40/42, bislang als absolute Außenseiterinnen der Mode abgedrängt, werden es hören und staunen. Und sich nachdenklich an die üblichen Demütigungen erinnern. An rehschmale Verkäuferinnen, die ihnen mit gekräuselten Lippen mitteilen: "Ihre. Größe führen wir nicht." An seitenlange Farbstrecken in Magazinen mit den obligaten Herstellernachweisen für "Größe 36 bis 40". An die einzige Alternative, die ihnen blieb: Hänger, Zelte, Umstandsmode; meist so bieder in Schnitt und Optik, daß die Hersteller den Wohnküchenmief gleich mit eingenäht zu haben schienen.

Das Diktat der Mode ist längst gefallen: Wie lang, wie kurz, welche Farben, welche Linien, das ist heute kein Muß mehr, sondern eine Sache von Angebot und Nachfrage oder "Wie hätten Sie’s denn gern?". Fällt nun auch das Diktat der Figur? Es sieht so aus; die bislang Vernachlässigten, die Beladenen, die schwergewichtigen Frauen, sie ignorieren die neuesten Diätvorschläge und legen statt dessen lieber zu. Entwickeln – siehe Brigitte Haarke – Selbstbewußtsein.

Motto: Non, je ne regrette rien. "Ich habe das Recht, was Modisches zu tragen, das hat nichts mit meiner Figur zu tun." Schon einmal probten die Geschmähten den kleinen Aufstand ("Ich bin rund. Na und?"), lehnten sich gegen den Diätwahn und den Terror mit der Waage auf. So etwas wird meist nicht wahrgenommen, solange es nicht auch zu sehen ist. Das Trendsettergeschäft in New York trug schon 1985 den programmatischen Namen The forgotten Woman. Zuerst lachten alle – eine Idee aus dem Witzblatt hat nun einmal einen schweren Start. Aber dann – das Echo! Die Konfektionäre schienen von plötzlicher Reue übermannt – dabei hatten sie lediglich entdeckt, daß die neue Marktlücke geradezu Übergröße trug. Die New Yorker Ladeninhaberin brachte es auf den präzisen Nenner: "Sie entschlossen sich nicht plötzlich, unsere schönen dicken Körper zu lieben, sondern sie merkten, daß wir viele schöne grüne Dollarscheine in unseren fetten kleinen Händchen haben." Indes: New York ist nicht Berlin und Size 18 nicht Größe 44. "Ich bin erstaunt", sagt Brigitte Haarke, "wie lange wir deutschen Frauen brauchen, bis wir die Konfektion wachkitzeln und sagen, wir wollen diese ollen Kleider nicht haben. Wir wollen MODE."

So hat sie denn kurzerhand selbst Ernst gemacht mit ihrer Idee, auch großen Größen eine modische Alternative zu bieten. Zusammen mit dem (gleichfalls kaum als Leichtgewicht einzustufenden) Großkonfektionär Klaus Steilmann – Umsatz im vergangenen Jahr: 818 Millionen Mark – hat sie auf der Düsseldorfer Modemesse Igedo eine Kollektion für Herbst/Winter 89/90 vorgestellt. Das Etikett ist das Programm: "42/52 B. Haarke by Steilmann". Die Sachen sollen so sein, "daß auch eine Achtunddreißigerin sie eigentlich haben möchte. Aber sie bekommt sie nicht, weil’s das erst ab 42 gibt." Gesagt hat sie’s nicht, aber zu hören war es doch: "Ätsch".