Von Roland Kirbach

Enkhausen

Das kleine Dorf im Sauerland hat 300 Einwohner. Es gibt keine Post, keinen Laden, nur zwei Gasthöfe: die Kornbrennerei Lampe und das Haus Brinkschulte. Wohl kaum hätte Enkhausen von sich reden gemacht, wären da nicht die zwei Söhne des einstigen Schuhmachers Lübke gewesen, Wilhelm und Heinrich. Beide machten Karriere und ihrem Dorf viel Ehre. Wilhelm wurde Ministerpräsident in Schleswig-Holstein (von 1951 bis 1954), Heinrich brachte es gar bis zum höchsten Amt in diesem Staat: Von 1959 bis 1969 war er Bundespräsident.

Auf ihn vor allem, auf ihren Heinrich, sind die Enkhausener stolz. Schon 1975, drei Jahre nach seinem Tod, wurde die alte, längst stillgelegte Zwergschule, die der junge Heinrich einst besuchte und deren pädagogische Vorzüge er später stets pries, zum "Heinrich-Lübke-Haus" ausgebaut. Professor Hugo Borger, Generaldirektor des Römisch-Germanischen Museums in Köln, drapierte Photos von großen Staatsereignissen und aus dem Privatleben der Lübkes zu einer "Gedenkstätte", dazu in Vitrinen zahlreiche Orden. Weit über 50 ausländische Ehrenzeichen habe Lübke als Präsident erhalten, sagt Franz-Josef Tigges, der Bürgermeister der Stadt Sundern, zu der Enkhausen jetzt gehört.

Just um diese Goldsterne und Schärpen ist ein Streit entbrannt, dem Museum droht die Plünderung: Otto Keuthen, ein Neffe von Lübkes Frau Wilhelmine, macht seinen Anspruch auf den Enkhausener Nachlaß geltend. Das kinderlose Ehepaar Lübke hatte sich gegenseitig als Erben eingesetzt. Nach Heinrich Lübkes Tod war Wilhelmine Lübke Alleinerbin; sie überließ die Orden der Stadt Sündern – allerdings ohne schriftlichen Vertrag. Auch ein Testament hat sie nicht gemacht. "Sie dachte, sie würde ewig leben", klagt nun Bürgermeister Tigges. Als sie dann 1981, im Alter von 96 Jahren, doch starb, verfügte Sundern in Sachen Orden nur über "Aktenvermerke".

Frau Lübkes Neffen und Nichten betrachten sich daher, mangels anderslautender Verfügungen, als rechtmäßige Erben. Otto Keuthen, von Beruf Rechtsanwalt in Zell an der Mosel, vertritt die Erbengemeinschaft. Er begründet seinen Anspruch damit, daß zwischen seiner Tante und der Stadt Sundern keine "Eigentumsübertragung" stattgefunden habe. Vor allem aber, so sorgt er sich, drohe der Lübke-Nachlaß in Vergessenheit zu geraten. Nur knapp 1000 Besucher im Jahr verirren sich noch nach Enkhausen. Pro Eintrittskarte dürfte das "Heinrich-Lübke-Haus" eines der höchstsubventionierten Museen hierzulande sein: Etwa 70 000 Mark jährlich zahlt Enkhausens Muttergemeinde an Betriebskosten.

Keuthen möchte die zum Teil recht exotischen Kostbarkeiten gern selber ausstellen. Vor vier Jahren erwarb der 62jährige Anwalt die alte Raubritterburg Arras hoch über der Mosel, unweit seiner Heimatstadt Zell. Sie stamme aus der Karolingerzeit und zähle zu den ältesten der über 200 Burgen in der ganzen Rheinprovinz, rühmt Keuthen. Der nach eigenem Bekunden äußerst Geschichtsinteressierte hat die Burg mittlerweile zu einem historischen Gemischtwarenladen umgemodelt. Eine Originalseite der Gutenberg-Bibel ist dort neben einer persischen Grabbeigabe aus dem Jahr 1000 ausgestellt, eine Kanonenkugel aus der Römerzeit neben der "Mantelschließe" von Kaiserin Gisela von der Jahrtausendwende.