In der Hochebene von Carajás soll ein brasilianisches „Ruhrgebiet“ entstehen

Der Lärm rollender Erzzüge, auch wenn er wie ferner Geschützdonner klingt, bringt den tropischen Regenwald in Amazonien nicht um. Aber wenn am Rande der 890 Kilometer langen Bahnlinie von der Serra dos Carajás bis nach São Luis am Südatlantik erst einmal dreißig Hüttenwerke betrieben werden, „dann versetzt das der Region den Todesstoß“. Das sagt jedenfalls Luis Carlos, Leiter der Umweltabteilung des brasilianischen Staatskonzerns Companhia Vale do Rio Doce (CVRD). Der Konzern betreibt sowohl den Abbau von Eisenerz als auch Eisenbahngesellschaften.

1967 entdeckten nordamerikanisch-brasilianische Geologenteams die „Berge aus Eisen“ auf der Hochebene von Carajás im Amazonas-Urwald des Bundesstaates Pará. Neben riesigen Lagerstätten von Mangan, Chrom, Bauxit, Nickel, Kupfer, Zinn, Gold, Molybdän und Wolfram liegen hier nach Schätzungen Eisenerzreserven für 500 Jahre (18 Milliarden Tonnen) unter einer dünnen Erdschicht. 1985 wurde die Eisenproduktion aufgenommen. Das Ziel: eine jährliche Erzförderung von 35 bis 50 Millionen Tonnen.

Die westlichen Industrieländer beteiligten sich am Aufbau von Ferro Carajás, dem weltweit größten integrierten Entwicklungsprogramm: Über das europäische Kohle- und Stahlabkommen steuerte die EG 600 Millionen Dollar bei. Als Gegenleistung sicherte ihr die CVRD 15 Jahre lang ein Drittel der Jahresproduktion zu – zu Preisen von 1982. Die Weltbank übernahm mit 300 Millionen Dollar einen Teil der Finanzierung. Auch aus Japan und den Vereinigten Staaten flossen Kredite in das 4,9 Milliarden Dollar teure Projekt (Basis: 1981), und auch die Frankfurter Kreditanstalt für Wiederaufbau gehört zu den Gläubigern. Die Bundesrepublik kauft schon seit Jahren brasilianisches Eisenerz. Seit 1985 liefert die CVRD das Erz für die Hochöfen von Salzgitter, Thyssen, Mannesmann, Klöckner, Korf und Dillingen. Inzwischen sollen bereits vierzig Prozent des in der Bundesrepublik geschmolzenen Eisenerzes aus Brasilien stammen. Den größten Anteil, rund 56 Prozent der Jahresproduktion, kauft die japanische Stahlindustrie.

Um die Mine zu betreiben, ließ die CVRD auf der Hochebene von Carajás eine Retortenstadt für 9000 Menschen anlegen. 32 000 Arbeiter rückten an. 400 000 Hektar Wald wurden für Förderanlagen im Gebirge und für die Bahnlinie gerodet. Schienen lieferte die U.S. Steel, Signalanlagen die brasilianische AEG-Tochter. In der Hafenstadt São Luis ließ die Regierung 20 000 Menschen zwangsweise umsiedeln, um einen Tiefwasserhafen für Erzfrachter und einen Lagerplatz für eine strategische Erzreserve von dreißig Tagen anzulegen.

Aber in Carajás geht es nicht nur um Eisenerz und andere Rohstoffe. Ferro Carajás ist das Herzstück eines auf Jahrzehnte angelegten Entwicklungsprojekts zur Ausbeutung des Amazonas-Raumes, der Rohstoff- und Energieprovinz des Landes. Das Regionalentwicklungsprogramm Grande Carajás umfaßt mehr als 800 000 Quadratkilometer (Bundesrepublik: 240 000 Quadratkilometer), rund zehn Prozent des Territoriums von Brasilien. Kraftwerke gehören genauso zum Projekt wie Hüttenwerke, Viehfarmen und Großplantagen für Soja und Mais; Straßen, Schienen und der Ausbau von Wasserwegen. Geschätzter Kapitalbedarf: 64 Milliarden Dollar, die Hälfte der heutigen Auslandsschuld der brasilianischen Regierung.

Ohne Wissen um ökologische Zusammenhänge und ohne Rücksicht auf die Folgen des Raubbaus träumen brasilianische Stahlmanager und Politiker von einem „Ruhrgebiet“ in Amazonien. Doch die Eisenhütten können nur mit internationaler Kapitalhilfe errichtet werden. In Parauapebas, am Fuß der Hochebene Serra dos Carajás, beteiligt sich die Sowjetunion an einer Anlage zur Gewinnung von Eisenlegierungen auf der Basis von Manganerz wie auch an der Förderung und Gewinnung von Kupfer.