Warum ein Kieler Arzt Berufsverbot hat

Von Hans Harald Bräutigam

Die Arztpraxis in der Nähe des Kieler Hauptbahnhofs sieht aus wie alle anderen Praxen auch: ein Tresen zum Empfang der Patienten, Wartezimmer mit Kalender, dem obligaten Geschenk der Pharmaindustrie, Untersuchungsraum und Sprechzimmer. Alles ist sehr ordentlich und aufgeräumt. Die Arzthelferinnen eilen vorbei, sie haben keine Zeit, das Wartezimmer ist voll. Das einzig auffallende an den Patienten ist ihr Alter: Alle sind jung, kaum einer über vierzig.

Der Chef dieser Arztpraxis, der Allgemeinmediziner Gorm Grimm, entspricht dem Bild, daß wir uns von einem guten Hausarzt machen. Er redet nicht nur über Labordaten und Röntgenaufnahmen, er hat Zeit für seine Patienten, sie können ihn auch privat erreichen. Gorm Grimm ist 47 Jahre alt, hat kurze graue Haare und lebhafte freundliche Augen. Die immense Belastung, der Druck, unter dem er steht, ist ihm nicht anzumerken. Dabei steht seine wirtschaftliche Existenz auf dem Spiel, sein guter ärztlicher Ruf und die Achtung seiner Kollegen.

Seit dreizehn Jahren behandelt Gorm Grimm heroinsüchtige Patienten mit der Ersatzdroge Remedacen, einem codeinhaltigen Präparat. Mittlerweile hat er über 300 Menschen zu einem Ausstieg aus der Heroinabhängigkeit verholfen – und damit auch zu einem Ausstieg aus der Kriminalität und einer meist erbärmlichen Lebensführung.

Doch nun hat er Berufsverbot: Die Kassenärztliche Vereinigung in Bad Segeberg will seine Zulassung zur Kassenpraxis für drei Monate aussetzen. Drei Monate lang kann er seine Patienten nicht betreuen. Dr. Grimm hat Berufung eingelegt.

Gegen das Betäubungsmittelgesetz hat Grimm nicht verstoßen, denn die sogenannten dihydrocodeinhaltigen Präparate fallen nicht – wie Opiate oder Methadon – unter diese Verordnung. Codein ist rezeptpflichtig und ein vielverwandtes Hustenmittel. Bei hoher Dosierung auch mehr. Und deswegen hat ein Ausschuß der Bundesärztekammer am 16. März 1988 dekretiert, daß codeinhaltige Medikamente nicht für den Drogenentzug verschrieben werden dürfen.