Von Gunter Hofmann

Bonn, im März

Die Lage war noch nie so ernst, verkündet Helmut Kohl in Wort und Mimik. Er bleibt freundlich auf alle bohrenden Fragen, aber er wirkt auch ratlos, wenn er nachdenkt über die Schlußfolgerungen für die Union aus den Wahldebakeln in Berlin und Frankfurt, in Hessen überhaupt.

Am Kanzler spiegelt sich nur wider, wie es der Union derzeit insgesamt ergeht. Ihre Orientierungsmuster stimmen so wenig wie die alten Feindbilder, am rechten Rand wachsen neue Parteien. Absolute Mehrheiten, in der Nachkriegsgeschichte ohnehin selten, werden zum unerfüllbaren Traum.

I.

Das "Problem Nummer eins" im Augenblick, so urteilen Demoskopen, sei bei den Befragten beinahe über Nacht der Zustrom von Asylanten, Aussiedlern und die Ausländerpolitik überhaupt geworden. Gegen Heiner Geißlers Wort zog die hessische CDU den Schluß, daraus ein grelles Wahlkampfthema zu machen. Und es zeigte sich, wie dicht unter der Oberfläche Ängste und Ressentiments lagern.

Das hat sicher, wie CDU und SPD wissen, in Berlin und Frankfurt soziale Ursachen. In solchen Metropolen lassen sich gesellschaftliche Probleme früher erkennen, dort wirken sie sich auch schärfer aus. In einer Zeit, in der die großen Parteien Klassenfragen längst für überholt halten und dies auch zu unserem Konsens gehört, tauchen sie am Rand oder unten, in Neukölln oder in Rödelheim, unversehens wieder auf. Dort wachsen die Ängste doppelt so rasch wie in den vornehmen Vierteln des Westends oder am Wannsee.