Christian Thomasius oder: Ein erster Versuch, Deutschland zur Vernunft zu bringen

Von Uwe Wesel

Ein kleines dünnes Heft liegt auf meinem Tisch. Vierzig Seiten altes Papier, etwas größer als Postkartenformat. Eine Dissertation der preußischen Universität Halle. Im barocken Durcheinander des Titelblatts oben die Worte „De Crimine Magiae“ – Über das Verbrechen der Zauberei. Damit hat er Geschichte gemacht. Wenige Jahre später wurden durch einen Erlaß Friedrich Wilhelms I. die Hexenprozesse in Preußen beendet. Die anderen deutschen Länder folgten nach.

Doktorarbeiten schrieben damals die Professoren. Die Doktoranden hatten nur die Aufgabe, das Ganze in öffentlicher Diskussion vor der Fakultät zu verteidigen. Der Doktorand hieß Johann Reiche. Die Disputation fand statt am Mittwoch, dem 12. November 1701, vormittags und nachmittags, im großen Hörsaal. Alles nachzulesen auf dem Titelblatt. Auch der Doktorvater wird dort genannt, Christian Thomasius, über den Friedrich II. später schrieb, er habe dafür gesorgt, daß das weibliche Geschlecht wieder in Frieden alt werden und sterben könne.

In den dreihundert Jahren vorher waren Millionen von Opfern als Hexen auf den Scheiterhaufen ganz Europas verbrannt worden, in katholischen und evangelischen Ländern. Meistens waren es Frauen. Ab und zu gab es Widerspruch, schon im 16. Jahrhundert. Einer der bedeutendsten Schriftsteller des 17. Jahrhunderts, der Jesuit Friedrich von Spee, hatte 1631 in Paderborn gegen die Hexenverfolgungen geschrieben und war dann seines Lebens nicht mehr sicher. Zehn Jahre vor Thomasius kam der Amsterdamer Pfarrer Balthasar Becker mit einem mutigen Buch. Aber der Durchbruch gelang erst mit diesem dünnen Heft.

Warum? Thomasius war damals schon ziemlich bekannt, seine Argumentation kurz und knapp. Sie brachte das Problem geschickt auf den Begriff. Und die Zeit war nun endlich reif. Auch in England gingen Hexenprozesse ihrem Ende entgegen. In Frankreich waren sie schon kurz vorher verschwunden. Für das 18. Jahrhundert konnte Voltaire feststellen, es gäbe dort keine Hexen mehr, seitdem Philosophen aufgetaucht seien.

War Christian Thomasius ein Philosoph? Die Encyclopaedia Britannica sagt: „German philosopher and progressive educator, established the academic reputation of the newly founded University of Halle (1694) as being among the first universities“. Das mit philosopher and educator ist nicht ganz korrekt. Denn in erster Linie war er Jurist, Professor der Rechtswissenschaft. Sein Doktorand, Johannes Reiche, wurde ein Dr. jur. Im übrigen war er nicht nur Jurist, Philosoph und Pädagoge. Er war auch der erste deutsche Journalist. Die Encyclopaedia gibt ihm dreizehn Zeilen, ohne Bild. Christian Wolff, der andere große Mann des Naturrechts an der Universität Halle, hat fünfundvierzig Zeilen, mit Bild. Leibniz: viereinhalb Seiten. Auch das ist nicht ganz korrekt. Richtig ist: er hat keine internationale Bedeutung gehabt. War kein Leibniz und auch kein Voltaire. Ich schlage vor: sechzig Zeilen mit Bild. Das andere kann dann so bleiben.