Alle Welt redet von der Legitimation der Geisteswissenschaften. So auch der Kongreß der großen Neuphilologien, der Anglistik, der Germanistik und der Romanistik (AnGe-Ro), der gerade in Bonn stattgefunden hat. Was eigentlich soll das heißen: Legitimation? Nachweis der Existenzberechtigung? Wer lebt, hat ein Recht darauf, zu leben. Es ist das Grundgesetz aller freiheitlichen Gesellschaften. Niemand darf gezwungen werden, seine Existenz begründen zu müssen. Auch darin besteht die Freiheit der Wissenschaft.

Bei der Legitimationsdebatte geht verschiedenes durcheinander. Rechtfertigen muß sich die Wissenschaft, wenn die Ergebnisse ihrer Forschung die Freiheit anderer bedrohen. Das kann auch in den Geisteswissenschaften geschehen. Den Totalitarismus zum Beispiel haben sie begleitet und begründet. Derzeit allerdings geht von ihnen schlimmstenfalls Langeweile aus. Die ist bedauerlich, aber nicht strafbar.

Mehr als bedauerlich ist, was die Naturwissenschaften anstiften. Deren Legitimation wird von der Politik nicht, eingeklagt. Die Politik verlangt hingegen von den Geisteswissenschaften zweierlei: daß sie sich erstens selber legitimieren und daß sie zweitens Legitimationsdienste für die Natur- und Technikwissenschaften übernehmen.

Das nennt man zum Beispiel Technikfolgenabschätzung; eine Sache, die der Ministerpräsident Lothar Späth in seinem Referat auf dem Bonner Kongreß offenbar äußerst praktisch fand. Aber Späth zeigte sich enttäuscht darüber, „daß sich die Geisteswissenschaften der gemeinsamen Bewältigung jener Probleme, die der industrielle Fortschritt mit sich bringt, auf weite Strecken verweigern.“ Zu irgend etwas müssen sie doch gut sein, sie kosten Geld. Und wer Geld gibt, darf etwas verlangen dafür, eine Nützlichkeit. Und die wäre? „Schlichtweg Affirmation im Namen eines vorgegebenen integrativen Gesellschaftsbegriffs.“ Das sagte Klaus Scherpe in seinem intelligenten Vortrag auf dem Berliner Germanistentag 1987 (nachzulesen in der von Norbert Oellers herausgegebenen Dokumentation, Tübingen 1988).

So ist es. Und wenn die Herren Professoren endlich begriffen, daß man ihnen mit Geld und Planstellen und Pensionsberechtigung den Schneid abgekauft hat und daß sie nun die nützlichen Idioten des permanenten Krisenmanagements werden sollen, nachdem sie die nützlichen Idioten der Lehrerausbildung waren, dann könnten sie den Streit um die sogenannte Legitimation selbstbewußter und schärfer führen. Was der Bonner Kongreß auch gezeigt hat: Daß das Selbstbewußtsein vieler Geisteswissenschaftler klaftertief unter ihrem Prestige und ihrer objektiven Bedeutung liegt. Vor 1968 war das genau umgekehrt.

Aber es geht ja in Wahrheit nicht um Legitimation, sondern um Geld. Und die Geisteswissenschaftler könnten das verlogene Gerede um ihre Legitimation gut und gerne sein lassen, wenn sie erstens ein bißchen mehr von der Dignität ihres Tuns überzeugt wären und wenn sie zweitens nicht in einer üblen finanziellen Klemme steckten. Beides aber, subjektive Not und objektives Elend, zwingt zu seltsamen Verrenkungen. Da üben sich dann introvertierte Akademiker höchst ungelenk in der Sprache der Politik.

In Bonn wurde erzählt, daß sich zum Aufnahmetermin eines Seminars bei dem Germanisten Peter Pütz schon nachts um vier Uhr Studenten mit Schlafsäcken eingefunden hätten. Während der Diskussion über das Referat des Ministerpräsidenten Johannes Rau führte Pütz lebhafte Klage darüber, daß ausgerechnet an großen alten Universitäten wie Bonn, wo Tausende von Studienanfängern sich auf den Fensterbänken drängen, planvoll die Stellen gekürzt werden. In der Tat scheint es das Kalkül der Wissenschaftsministerin Anke Brunn zu sein, die Randgebiete zu stärken und die Zentren zu schwächen, neue Studiengänge und Afterdisziplinen mit der fraglichen Aussicht auf Arbeitsplätze zu fördern und die traditionellen Hochburgen der Wissenschaften einem Sozialdarwinismus zu unterwerfen. Der aber funktioniert anders als im Leben. Denn an den Universitäten verzweifeln im Kampf ums Dasein die fähigen Leute, und die geistesschwachen Schlaumeier gewinnen an Boden.