Von Manfred Sack

Man saß im quadratischen Saal, der nicht zum Hören gebaut ist, auf harten quadratischen Stühlen, die nicht zum Sitzen gemacht sind. Zuerst sprach der Frankfurter Kulturdezernent Hilmar Hoffmann. Er pries das Deutsche Architekturmuseum, an dessen Pult er stand, nannte viele große Zahlen, vor allem lobte er den Initiator, Gründer, ersten Direktor dieser noch nie zuvor dagewesenen Institution für seine fleißige und einfallsreiche Arbeit. Und dann verehrte er ihm, zum Abschied, den klassischen Satz wie einen Orden: "Heinrich Klotz hat sich um unsere Stadt verdient gemacht." Jetzt, da die Kommunalwahlen auch das Ende einer in jeder Beziehung ungewöhnlichen, von christlichen mit Sozialdemokraten betriebenen Bau- und Kulturpolitik annonciert haben, war es unausgesprochen ein doppelter Abschied: der von einem Mann und der von einer Politik.

Heinrich Klotz bekannnte angemessen ungelenk, er sei ein wenig bewegt, "daß ich von Ihnen – von Dir – einleitend in den Mittelpunkt gestellt wurde". Am 1. April zieht er nach Karlsruhe um, wohin ihn Ministerpräsident Lothar Späth gerufen hat, damit er dort zum besonderen Ruhme Baden-Württembergs auch etwas noch nie Dagewesenes aufbaue, das "Zentrum für Kunst und Medientechnik", sowie eine – bereits dagewesene, von den verstockten politischen Vorgängern jedoch abgeschaffte – Hochschule für Gestaltung, welche, natürlich, darum bemüht sein wird, dem Ruhm von Ulm eine neue, nun ganz andere Fortsetzung zu verschaffen.

Von seinem Frankfurter Museum verabschiedet Heinrich Klotz sich mit gleich drei Ausstellungen. Die eine eröffnet unter dem globalen Titel "Architektur des 20. Jahrhunderts" einen globalen, aber eigenwilligen Blick in die zehn Jahre lang so erstaunlich gefüllte Schatzkammer des Museums; die andere präsentiert "Papierarchitektur" meist junger sowjetischer Baukünstler, die, am Bauen gehindert, bei Feder, Bleistift und Farbe Zuflucht suchen und sich mit sehr phantastischen Kapriolen austoben; die dritte Ausstellung ganz oben dort, wo das "Haus im Haus" des Museumsarchitekten Ungers die Intimität einer Stube vermuten lassen möchte, führt unter dem kabarettistischen Titel "Bodenreform" Teppiche vor, deren Dessins von selbstverständlich berühmten Künstlern und Architekten gemalt worden sind: Gebrauchskunst, mit der zur Zeit auch schon Kaufhäuser brillieren.

Man erkennt also eine Mischung zwischen Kunst und kultiviertem Konsum, wie sie Heinrich Klotz von jeher vorgeschwebt hat. Zugleich befleißigt er sich, alle diesbezüglichen Einwände übergehend, dabei auch der alten Unterlassungen: Das Museum will zeigen, nicht unterrichten. So war es bisher bei den meisten Ausstellungen im DAM, aber so muß es nun gottlob nicht bleiben. Der Nachfolger steht zur Wahl.

Das Museum, das seinen unübersehbaren ästhetischen Anspruch ja auch im Schriftzug DAM mit Quadraten und Zirkelschlägen bekanntgibt, war vor etwa fünf Jahren die erste Perle in der Museumskette, die sich Frankfurt nach und nach dichter aufgefädelt hat – es war zugleich das Signal einer einzigartigen Kultur- und Baupolitik, mit der sowohl die Künste neu behaust als auch der Stadtzerstörung etwas entgegengesetzt worden ist. Bald wird auch das Museum für Vor- und Frühgeschichte (Architekt: Josef Paul Kleihues) eröffnet, demnächst das Postmuseum (Behnisch und Partner); das Museum für Moderne Kunst (Hans Hollein) und der Städel-Anbau (Gustav Peichl) sind im Bau. Das Museumsufer zu beiden Seiten des Mains ist komfortabel gefestigt.

Vergessen alle Verballhornungen wie Bank- und Krankfurt oder Mainhattan, aus den Haßtiraden verdrängt auch die nervöse Hochhausstangen-Silhouette, auch wenn sie immer unverfrorener, immer eitler in die Höhe getrieben wird. Und all die schlimmen Unterlassungen in den niederen Bereichen des Bauens, beim Erhalten alter und beim Errichten neuer Wohnungen sowie beim Schutz angestammter Wohngebiete gegen gewerbliche Verfremdung, sind erst in letzter Zeit ruchbar geworden – nicht zuletzt darauf haben die Wähler reagiert. Offensichtlich war nun ihr Zorn über den Mangel an erschwinglichen Wohnungen zuletzt weit heftiger als der Stolz auf die glanzvollen Kulturbauten. Dabei hatte es doch den Anschein gehabt, als hätten sich die Frankfurter mit ihrer jahrelang gescholtenen Stadt versöhnt und sie wieder zu lieben angefangen. Denn immerhin hat sich darin doch eine ehrgeizige, wenngleich mit historistischen Repliken verharmloste internationale Architektur ausgebreitet. Und eben dies, was keine andere Stadt der Bundesrepublik auch nur andeutungsweise vorzuweisen vermag, hatte sich in der nun zu Ende gegangenen, einst vom Oberbürgermeister Wallmann geprägten, von seinem Nachfolger Brück mühselig verlängerten Zeit von zwölf Jahren ereignet, genauer wohl: in den elf Jahren,, in denen er sich bei Heinrich Klotz Rat geholt hatte.