Den Wal im Auge

Von Elmar Schenkel

Eigentlich wollten wir zu Hawthornes Cottage an diesem herrlich blauen Herbsttag. Von Northampton über Florence und Peru in die sanften, bewaldeten Berkshire Hills im westlichen Massachusetts. Wochenlang hatte ich sie aus meinem Burofenster in Amherst in der Ferne gesehen, blaudunstig und verschwiegen, während im Vordergrund die Minutemen-Band ihre martialisch-aufmunternde Musik probte. Die Berkshires: nicht nur Skigebiet der Bostoner im Winter, sondern der Lake District der amerikanischen Literatur des 19. Jahrhunderts, in dem sich Longfellow, Holmes, Melville, Hawthorne, später Edith Wharton und der Maler Norman Rockwell aufhielten.

Die Berkshires – für mich auch ein Klangfeld, wenn ich an den feuchtheißen Sommertagen täglich "Tanglewood" im Radio horte, den Namen der Sommerresidenz des Boston Symphony Orchestra. Tanglewood war das Ziel an diesem Tag, das rote Häuschen Hawthornes, das er von 1850 bis 1851 bewohnte (heute ist nur noch die Nachahmung zu sehen). Von seinem Posten im Salem Custom House entlassen und nach der Niederschrift von "The Scarlet Letter", zog er sich mit seiner Frau in die Einsamkeit zurück und schrieb in dieser ruhigen Umgebung "The House of the Seven Gables" und die "Tanglewood Tales" für Kinder. Lange hielt er es nicht aus: "Ich hasse die Berkshires aus ganzer Seele und hätte mit Freude gesehen, wenn die Berge eingeebnet wurden."

Höhe um Höhe, eine leuchtende Blätterwand nach der anderen entfaltete sich; country stores, einsame Tankstellen, Yankeeflaggen und Friedhofe – wir kamen ins ode Pittsfield, das schon die Verlassenheit des Nachbarstaates New York ankündigt. Die bekannte Spießrutenfahrt zwischen Wendy-, Burger- und Ronald McDonald-Emblemen hatte wieder begonnen, da zeigte sich ein Pfeil nach links: "Arrowhead – Melville’s House". Tanglewood war aufgeschoben.

Ein großes weißes Haus, dessen Sudfront nach Connecticut schaut. Wer es betreten will, muß durch die Scheune und darf sich alles erstmal auf Video ansehen. Melville wohnte dreizehn Jahre in diesem Haus. Er taufte es "Arrowhead" wegen der vielen Pfeilspitzen, die die Bauern der Gegend beim Pflügen entdeckten, Uberreste aus den Zeiten indianischer Jager, Mohikaner wohl aus Lederstrumpf-Tagen. Im nahen Stockbridge wurde 1734 eine Mission gegründet, in der den Indianern weiße Wahrheit und Sprache eingeflüstert und ihnen ihr "barbarischer Dialekt" ausgetrieben wurde.

"Arrowhead" ist vielleicht der zentrale Ort in Melvilles Leben. Das Haus war der erste wirkliche Ruhepunkt in der Mitte eines bewegten Lebens. Melville war 31 Jahre alt, als er kam, und er hatte Weltreisen hinter sich. Mit 44 zog er von hier wieder fort. Nach den Erfolgen seiner Reisebucher "Typee" und "Omoo", die ihm einiges Geld einbrachten, konnte er sich in "Arrowhead" seinem größten Werk widmen, in dem er die Abgründe der Phantasie und der Neuzeit abmaß: "Moby Dick". Ein Projekt, mit dem er sich Schulden auflud und sich die Mißgunst der Kritiker zuzog.

Aus dem Arbeitszimmer im oberen Stock schaut man über das nordwestliche Massachusetts auf den Mount Greylock. Der höchste Berg des Staates erhebt sich wie ein schweratmendes Geschöpf aus der Ferne. Von seinem Gipfel sind an klaren Tagen fünf Staaten zu sehen. Der Berg war es, der die schweifende Phantasie des Schreibenden immer wieder zum Zentrum seiner Geschichte führte. "Diesseits von Pittsfield", schrieb Hawthorne, "sitzt Herman Melville bei der Gestaltung der gigantischen Konzeption seines weißen Wals, während die gigantische Gestalt von Greylock ihm entgegendämmen ins Fenster seines Arbeitszimmers."

Den Wal im Auge

Melville empfand die Felder nach Norden hin, die heute so gut verschwunden sind, wie das Meer selbst, wogend, ungewiß, lebendig. Im Arbeitszimmer reihen sich düstere Bände in den Glasschränken, Shakespeare vor allem, das Vorbild überhaupt: Erinnerung daran, daß "Moby Dick" wie kaum ein zweites Buch aus anderen Büchern zusammengesetzt ist. Auf dem Tisch die bekannten Fossilien, die materiellen Abdrücke eines Schriftstellerlebens: Federn, Stifte, die Brille. Und der Schlüssel zum Zimmer, ein sakrales Objekt in sich selbst; das Mittel, sich von der lärmenden Außenwelt abzuschirmen, den flüchtigen Gebilden eine Chance von Haltbarkeit zu geben.

Früh morgens begann er zu schreiben, bis etwa halb drei. Danach konnte das Familienleben beginnen, Arbeiten am Haus, im Garten, Spaziergänge, Besuche. Abende am Kamin auch, mit dem es seine eigene Bewandtnis hatte, denn Mrs. Melville wollte ihn abreißen lassen, weil er so unmodern geworden war. Herman erhielt ihn sich mit einer Geschichte – "I and My Chimney". Zu sehen ist heute auch noch die von Melville geplante, nach Norden gehende Veranda ("Piazza"), viel belächelt von den Nachbarn, da jeder nun mal zur Sonnenseite hin baute.

Das Bild vom Einsiedler ist aber nur teilweise richtig. Mit der Familie und den Verwandten im Haus – der heutige Besucher fragt sich, wo sie alle unterkamen – gab es genügend Geselligkeit. Zudem kamen Freunde aus New York, Kostümparties und nächtliche Ausfluge waren nicht selten. Bei einer solchen Gelegenheit, einer Besteigung des nahen Monument Mountain, kam es zu einer für die amerikanische Literatur wichtigen Begegnung: Am 5. August 1850 lernten sich Melville und Hawthorne kennen und wurden Freunde. Der ältere Hawthorne erkannte als einer der ersten die Bedeutung Melvilles zu einer Zeit, als dessen Stern beim Publikum zu sinken begann. Nicht nur dem eigenen, sondern auch dem Zenit seines Zeitalters näherte sich Melville in diesen dreizehn Jahren.