Helmut Kohl ist nicht zu beneiden. Seine Auftritte nach Wahlsonntagen werden zum traurigen Ritual. Die alte Platte wird immer noch abgespielt: Die Koalition werde ihre gute Arbeit fortsetzen, nach 16 Jahren Parteivorsitz mit so viel auf und ab habe er sich große Gelassenheit erworben, die Union habe alle Chancen, die nächste Bundestagswahl zu gewinnen. Auch ist der Trost immer noch parat, die Zeit werde ihre Wirkung tun und die Leistungen der Union im rechten Licht erscheinen lassen.

Aber was früher fortissimo klang, hört sich heute gedämpft an. Und neue Nachdenklichkeit schleicht sich ein. Der Kanzler spürt eine „Veränderung der politischen Statik der Bundesrepublik“, die CDU-Verluste in den Großstädten stimmen ihn „sehr, sehr nachdenklich“, und er meint, man müsse „zur Selbstkritik fähig“ sein. Traurige Zeiten für die CDU und ihren Kanzler: „Die Ergebnisse (der Bonner Politik) sind ausgezeichnet, aber wir kriegen sie nicht recht über“; Journalisten fragen, was vor einigen Wochen noch undenkbar gewesen wäre, ob Helmut Kohl nicht Grund zum Rücktritt sähe.

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Was rüberkommt, ist das Ausländerthema – jenes Thema, das CDU-Generalsekretär Heiner Geißler, wenn es in seiner Macht stünde, gerne klein hielte, von dem andere in der Partei aber offenbar glauben, darüber sei zu spät und nicht deutlich genug geredet worden. Sogar dem Kanzler wird es da etwas mulmig. Er spricht von „Parolen, die zu einem Europa der Offenheit nicht passen“, er warnt vor „Fremdenfeindlichkeit, die für die wirtschaftliche Existenz des Landes tödlich sein könnte“.

Wen hat er da wohl gemeint? Vielleicht auch den Parlamentarischen Staatssekretär im Innenministerium, Carl-Dieter Spranger (CSU)? Der fand in der Katholischen Bischofskonferenz, im Caritas-Verband und in den CDU-Sozialausschüssen, wo Kritik an der Asylpolitik der Bundesregierung laut geworden war, „selbsternannte Verteidiger der Humanität“, und er bescheinigte ihnen, sie betrieben „das Geschäft derjenigen, die alles andere als das Wohl der Bundesrepublik Deutschland und des deutschen Volkes im Auge haben“. Kohl hielt den Brief für „nicht glücklich“.

Ein wenig deutlicher wurde Heiner Geißler, der am Tag nach der Wahl wie ein Irrwisch von Mikrophon zu Mikrophon hetzte, um das Unmögliche zu versuchen: einerseits die hessische CDU vor dem Vorwurf in Schutz zu nehmen, sie habe einen ausländerfeindlichen Wahlkampf geführt, andererseits aber davor zu warnen, das Ausländerproblem zum Wahlkampfschlager der Union zu machen. Er riet dem Innenministerium, es täte besser daran, die konkreten Probleme der Asylpolitik zu lösen, „anstatt die Bischöfe zu beschimpfen“. CSU-Innenminister Zimmermann wiederum bescheinigte Geißler, er finde sich im Koordinatensystem nicht mehr zurecht und handle „in einer ganz unverantwortlich ignoranten Weise“. Familien-Bande?

Das Ausländerthema polarisiert, aber nicht nur zwischen links und rechts, sondern auch innerhalb der Union. Es reißt eine Kluft auf zwischen weltoffenen Europäern und überzeugten Christen auf der einen Seite und den Deutschnationalen auf der anderen. „Die Trennlinie geht mitten durch“, seufzte ein CDU-Analytiker.