Von Paul Hühnerfeld

Wir sind keine geistlose Familie. Auf dem Bücherregal reihen sich die Goethe-Bände und im unteren Fach liegt die Doktorarbeit meines Onkels über russische Literatur. Aber weiß der Teufel, wie das kommt – kaum ist jetzt das Abendessen vorbei, so erscheint mein kleiner Bruder mit der Zeitung, schlägt die Sportseite auf, und alle beraten die Tips fürs nächste Fußballtoto. Wohlverstanden: alle! Mein Vater, der ein durchaus ernsthafter Mann ist, meine Mutter, die immerhin vier Kinder großgezogen hat, mein Onkel, der mit der Doktorarbeit über russische Literatur (Spezialgebiet: „Die verdrängte erotische Komponente bei Dostojewskij“) und mein kleiner Bruder. – Ach, mein armer kleiner Bruder! Wer will ableugnen, daß er in der Familie am meisten vom Fußball versteht? Gehört er doch zu den wenigen, die die Fahne des Sports schon schwangen, als noch Ideale darauf standen, Ideale, mit denen sich kein Geld verdienen läßt. Bei jedem Wetter ist er zum Sportplatz gegangen. Und wie tapfer trägt er nun sein Schicksal: denn noch nicht einen Pfennig brachte ihm das Fußballtoto bis jetzt ein, während unsere Großmutter – sie wohnt gleich nebenan und mein Bruder geht mit der Sportzeitung auch zu ihr – am letzten Sonntag 500 DM gewann.

Von unserer Großmutter macht man sich am besten eine Vorstellung, wenn man sich das Bild einer vornehmen, etwas extravaganten Dame des beginnenden Jahrhunderts vor Augen hält. Ihr Mann war früh verstorben, und mit seinem Geld war die Großmutter dann gereist. Frankreich war ihr Steckenpferd, und in Frankreich wiederum liebte sie die Riviera und Monte Carlo am meisten (in unserer Familie will man das nicht gerne wahrhaben; meine Eltern waren nie in Monte Carlo, und sie halten auch, versteht sich, nicht viel davon). –

Großmutter also machte nicht viel Einwendungen, als ihr jüngster Enkel sie aufforderte, am Fußballtoto teilzunehmen. Vielleicht verspürte sie in sich etwas von der alten Leidenschaft, die sie an den Spieltischen von Monte gepackt hielt. Vielleicht hat sie auch gedacht, daß dies eine ganz legitime Fortsetzung des großen Lebens von damals sei, denn das prickelnde Gefühl, das den Menschen befällt, der das Glück auf die Probe stellt, herrschte damals wie heute; nur das Genre ist anders geworden, nicht mehr so exklusiv, ein wenig „vermasst“, wie Großmutter sich ausdrückte. Aber das liegt ja wohl im Zuge der Zeit...

Meinem armen kleinen Bruder habe ich erklärt, daß es eigentlich das „Zweitgerechteste“ sei, daß Großmutter die 500 DM gewonnen habe. Wo sie sich doch als erste der Familie hinter ihn stellte und die Liste nach seinen Angaben ausfüllte – denn Großmutter hat keine Ahnung vom Fußball und auch nicht die Absicht, sich von jetzt ab damit zu beschäftigen. Ihr genügte der Wettzettel, den sie schon einige Wochen darauf nach eigenem Gutdünken und nicht nach den Angaben ihres, ob dieses Eigenwillens ratlosen Enkels, blindlings ausfüllte. Und nun brachte ihr der Bote die 500 DM ins Haus.

Ein Wahn hält unsere Familie gepackt. Die vernünftige Familie, die des Sonntags nachmittags schlief, wie jede vernünftige Familie sonntags nachmittags schläft. Man aß zu Mittag, die Männer rauchten noch eine Zigarre, man suchte nach einem Buch für das Bett... o längst vergangene Zeiten! Jetzt sieht mein Vater schon vor dem Pudding auf die Uhr und bestimmt, ob wir ihn noch vor dem Aufbruch zum Sportplatz essen dürfen. Denn die ganze Familie marschiert zum Fußball (mit Ausnahme meiner Großmutter natürlich, die sitzt zu Hause und gewinnt). Mein Vater voran, neben ihm mein kleiner Bruder. Sie reden laut. Mein Vater gestikuliert mit dem Spazierstock. Sie streiten sich über die Aussichten der Mannschaften im kommenden Spiel.

Früher, vor einigen Monaten noch, pflegte mein Vater des Sonntags einige Stunden später spazierenzugehen, ruhig und gelassen, während er sich mit meinem Onkel über den Einfluß des Buddhismus auf Schopenhauer unterhielt oder über ein anderes philosophisches Thema. Jetzt geht mein Onkel neben mir und versucht mit seiner umständlichen, gründlichen Art die Fußballwette zu erklären: „Die Besucherzahl auf den Fußballplätzen hat sich seit Einführung der Wette fast verdoppelt“, sagt er. „Viele gehen hin, weil sie hoffen, Geld zu gewinnen. Aber das ist nicht der alleinige Grund. Sport besteht aus Spiel und Kampf. Zuschauen beim Sport heißt Freude empfinden an dieser Mischung. Aber die Leute wollen auch selbst mitmachen, mittreten, mitspielen. Und diesen Punkt hat die Fußballwette ganz geschickt erfaßt. Sie gibt dem Zuschauer ein Gefühl noch größerer eigener Aktivität. Dazu kommt die Wettleidenschaft jedes Menschen.“