Von Klaus-Peter Schmid

Wann hat es das jemals gegeben? "Wir befinden uns im siebten Jahr eines unvergleichlich lang anhaltenden Konjunkturaufschwungs", versicherte CDU-Wirtschaftssprecher Matthias Wissmann jüngst im Bundestag. Und daran, daß es noch eine Weile so weitergeht, ließ er keinen Zweifel: "Auch für 1989 verfügen wir trotz aller Unkenrufe der Opposition über eine stabile Wachstumsbasis."

Da muß die Opposition in der Tat passen. Im Herbst 1985 hatte nämlich SPD-Ökonom Wolfgang Roth die Diagnose gewagt: "Wenn du Glück hast, hast du vier oder viereinhalb Erholungsjahre; dann kommt die Rezession. Das ist in diesem Wirtschaftssystem unvermeidlich. Wir haben immer damit leben müssen." Danach müßte die deutsche Wirtschaft längst auf der konjunkturellen Talsohle gelandet sein.

Sieben Jahre Aufschwung – das paßt tatsächlich nicht in das gewohnte Schema des Konjunkturablaufs. In den vergangenen vierzig Jahren verlief die Konjunktur in erstaunlich regelmäßigen Auf- und Abschwüngen. Sie dauerten von Spitze zu Spitze, von Tiefpunkt zu Tiefpunkt in aller Regel vier bis fünf Jahre. Den Experten fiel es nach diesem Schema nicht allzuschwer, von der Währungsreform bis 1982 insgesamt acht Zyklen zu unterscheiden. Die Länge des neunten macht sie allerdings ratlos.

Der Münchner Wirtschaftshistoriker Knut Borchardt zog aus diesem immer wiederkehrenden zyklischen Auf und Ab den eindeutigen Schluß: "In keiner Phase der Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik hat es das oft beschworene stetige Wachstum’ gegeben." Seit ein paar Jahren melden jedoch Theoretiker wie Politiker Widerspruch an. "Der klassische Zyklus ist tot", heißt die neue Devise. Das stetige Wachstum wäre somit keine Illusion.

Diese Meinung vertritt beispielsweise Otto Schlecht, langgedienter Staatssekretär im Bonner Wirtschaftsministerium. Und um die (wenig ausgeprägten) Schwankungen des Sozialprodukts seit 1982 zu veranschaulichen, prägte er das Bild vom "aufwärtsgerichteten Waschbrett". Auf deutsch: Tendenz steigend, Auftreten gelegentlicher Dellen nicht auszuschließen.

In ähnlichem Sinne äußerte sich der Münsteraner Professor Ernst Helmstädter, als er noch Mitglied des Sachverständigenrats war: "Schließlich sind wir nicht der Meinung, daß jeder Aufschwung selbst den regelmäßig ausreifenden Keim des Abschwungs in sich tragen müsse. Es gibt keine solche Zwangsläufigkeit." Von einer "zyklischen Eigengesetzlichkeit" hielt Helmstädter nichts.