Von Heinrich August Winkler

Man schrieb den 24. Juli 1914. Knapp vier Wochen nach der Ermordung des österreichischen Thronfolgerpaares in Sarajevo hatte sich die Gefahr eines großen europäischen Krieges immer mehr zugespitzt. Deshalb rief jetzt die SPD, getreu ihrem Bekenntnis zur internationalen Solidarität der Arbeiterklasse, die Massen auf die Straße: Eine halbe Million Menschen demonstrierte für den Frieden. Wenige Tage später aber, am 4. August 1914, stimmten die Sozialdemokraten, zusammen mit allen anderen Fraktionen des Reichstags,’ für die von der Regierung Bethmann Hollweg verlangten Kriegskredite.

Sie taten es nicht, weil sie durchweg von der Behauptung des Kanzlers überzeugt gewesen wären, daß Deutschland alles getan habe, um den Frieden zu erhalten, dann aber doch von Rußland und Frankreich zum Krieg gezwungen worden sei. Ausschlaggebend war vielmehr das Bewußtsein, daß der Krieg jetzt eine "eherne Tatsache" war, daß feindliche Invasionen, ja ein Sieg des verhaßten "russischen Despotismus" drohten. Deshalb wollten die Sozialdemokraten, wie der Parteivorsitzende Hugo Haase vor dem Reichstag erklärte, "in der Stunde der Gefahr das Vaterland nicht im Stich lassen". Das Ja zu den Kriegskrediten und damit zu einer Politik des "Burgfriedens" setzte die SPD einer schweren innerparteilichen Belastungsprobe aus. Als erster sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter stimmte am 2. Dezember 1914 Karl Liebknecht gegen die Kriegskredite. Am 24. März 1916 lehnten weitere 18 Abgeordnete die Kriegskredite ab und wurden daraufhin aus der SPD ausgeschlossen. Im April 1917 gründeten die Gegner der Kriegskredite eine neue Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD).

Unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkrieges begannen die Sozialdemokraten das Studium der deutschen Akten zum Kriegsausbruch. Wenige Monate später stand fest: Die Reichsleitung hatte das deutsche Volk vier Jahre lang systematisch irregeführt. Deutschland war nicht in einen Verteidigungskampf hineingezwungen worden; seine politische und militärische Führung hatten die Julikrise von 1914 bewußt angeneizt und damit die Hauptverantwortung für den Ausbruch des Krieges übernommen.

Vor allem von den Sozialdemokraten, der stärksten Regierungspartei im Koalitionskabinett Philipp Scheidemanns, hing es im Frühjahr 1919 ab, ob die historische Wahrheit ans Tageslicht kommen sollte oder nicht. Entschied sich die SPD für die Offenlegung der Tatsachen, so bedeutete das den moralischen Bruch mit dem untergegangenen Kaiserreich. Eine solche Entscheidung wäre ein Politikum erster Ordnung gewesen, fein wirklicher republikanischer Neubeginn.

Siebzig Jahre ist es her, als Reichspräsident Friedrich Ebert seinen regierenden Genossen riet, diesen Weg zu gehen. Am 22. März 1919 nahm er sogar an der Sitzung des Reichskabinetts teil, was nicht eben häufig vorkam. An diesem Tag mußte sich die Regierung Scheidemann darüber klar werden, ob sie auf die Friedensverhandlungen in Paris mit einer Erklärung zur Kriegsschuldfrage einwirken wollte. Ebert war dafür. Da England den deutschen Vorschlag abgelehnt habe, die Kriegsschuld von 1914 durch eine neutrale Kommission klären zu lassen, müsse Deutschland selber diese Prüfung vornehmen, bemerkte er. Auf dreierlei kam es ihm an: die "Sünden der alten Regierung aufs schärfste (zu) verurteilen", die Haltung der neuen Regierung in einer Denkschrift niederzulegen und einen Staatsgerichtshof zu bilden, der die Schuld der maßgebenden Personen am Krieg feststellen solle.

Den deutschen Anteil am Kriegsausbruch von 1914 offenlegen wollten an diesem Märztag die meisten Mitglieder der Regierung – mit einer bezeichnenden Ausnahme. Reichsfinanzminister Eugen Schiffer, der früher zu den Nationalliberalen gehört hatte und im November 1918 zur neugegründeten Deutschen Demokratischen Partei (DDP) gestoßen war, warnte vor einem "Schuldbekenntnis," das unserem Volk (die) letzte Selbstachtung nimmt und (die) Gegner triumphieren läßt". Den Weltkrieg wertete Schiffer als "Präventivkrieg", und in dem Versuch Deutschlands, aus der "Einkreisung" auszubrechen, "die uns in ein bis zwei Jahren (die) Schlinge um den Hals legen sollte", vermochte er kein "Verschulden" zu erblicken. Eine Veröffentlichung deutscher Dokumente zum Kriegsausbruch werde "uns im Innern und draußen nur schaden".