Von Ulrich Schmidt

Vor Jahren schon hatten Journalisten sie als den „Blauen Engel von Darmstadt“ in die Zeitungen gebracht – aus mehreren Gründen. Erstens heißt sie Engel, zweitens hatte sie damals gerade ein graublaues Stadtführerkostüm bekommen, und drittens besitzt sie das Talent, die eigene Begeisterung auf andere zu übertragen. Isolde Engel verbreitet Sympathie für Darmstadt, und man spürt vom ersten Augenblick an, daß es nicht leicht sein wird, ihr und ihrer Stadt gegenüber die gebotene kritische Distanz zu wahren.

Und so begann die Geschichte: Darmstadt suchte junge Frauen, die bereit waren, sich als Stadtführerinnen ein Taschengeld zu verdienen. Viele bewarben sich, nur Isolde Engel wurde angenommen. Es war ein völliger Neuanfang – für sie und für die Stadt: Sie war unausgebildet und unerfahren, und im Amt war nichts, was ihr als Starthilfe hätte dienen können. „Ich mußte mich um alles selber kummern. Oder ich kann auch sagen: Ich durfte. Denn es hat mir ja Spaß gemacht, die Post zu erledigen, Prospekte zu verschicken, Besucher, Journalisten, Reiseagenten zu betreuen. Und bald kam noch mehr hinzu: Texte schreiben für den Stadtführer, Rundwege um Darmstadt ausprobieren und eine Broschüre daraus machen, Pressemitteilungen verfassen und verschicken.“

Neu war für die Darmstädter auch, daß sie nun von Isolde Engel bei Dia-Vorträgen in der Volkshochschule erfahren konnten, wieviel Sehenswertes „Die Stadt, in der wir leben“ zu bieten hat: die Mathildenhöhe, das Schloß mit dem Glockenbau, das Ludwigsmonument zu Ehren des demokratisch gesinnten Großherzogs von Napoleons Gnaden, das Jagdschloß Kranichstein, das Hessische Landesmuseum mit dem „Beuys-Block“, das Prinz-Georg-Palais, genannt Porzellanschlößchen, und zwei Dutzend weitere Punkte, an denen man als Alteingesessener vorbeizulaufen pflegt.

Darmstadt-Werbung für die Darmstädter, inszeniert ausgerechnet von einer gebürtigen Schlesierin, wie reimt sich das zusammen? Kasimir Edschmid, in Darmstadt geboren und als Schriftsteller zum Ehrenbürger ernannt, hielt seine Mitbürger für „zweiflerisch und begeisterungsfahig zugleich“. Bis vor kurzem muß wohl das Zweiflerische überwogen haben. Schon zur Zeit der ersten Eisenbahn fragte ein „Heiner“ (so nennen sich die Darmstädter) den anderen, was man denn von dem Bahnbau für Gewinne zu erwarten habe. Darauf der andere: „Do kenne doch viel mehr Leit an Dammstadt vorbeireise, die sonst ihr Leebdaag net vorbeigereist wehrn.“ Und in neuerer Zeit reimte ein Heimatdichter: „Duht en Heinerbub verreise / ob nooch Bayern, ob nooch Preiße / staunt er oft, daß manche Leit / froge, wo dann Dammstadt lei’t...“

Dann kam der Blaue Engel. Seit ungefähr zehn Jahren mehren sich Anzeichen von Begeisterungsfähigkeit: Immer mehr „Heiners“ erwarmen sich für ihre Stadt. Immer mehr Fremde schauen auf der Landkarte nach, wo Darmstadt liegt, und fahren hin – zum „Heinerfest“, dem größten Volksfest zwischen Main und Odenwald, zum Deutschen Knoblauch-Festival, zu den Pauschalwochenenden oder einfach, um nachzusehen, was da so alles los ist.

Darmstadt liegt, wie die EG-Kommission errechnet hat, nach Einkommen und Arbeitsmarktlage an Europas Spitze. Und sein Kulturetat ist, nach Ermittlungen der Universität Bremen, mit 200 Mark pro Burger der dritthöchste unter den bundesdeutschen Städten zwischen 100 000 und 200 000 Einwohnern. „Mit Kultur-Speck fängt man Industrie-Mäuse“, sagt Gunther Metzger, seit 1981 Oberbürgermeister. Schon sein Vater hatte dieses Amt inne. Daher und weil die meisten der 134 000 Darmstadter, mal abgesehen von den Grünen, wohl ganz zufrieden sind mit seiner zielstrebig pragmatischen und dennoch feinfühlig kulturbewußten Art zu regieren, nennen sie ihn ehren- und spaßeshalber in Anspielung auf die einstigen Machthaber „Großherzog“.