Von Rainer Praetorius

Durch ihn wird Großtechnologie selbst für eingefleischte Ökologen wieder akzeptabel. Er findet Zustimmung quer durch alle Parteien. Es scheint, als wäre mit ihm endlich die Lösung für die Energieprobleme der Zukunft gefunden: Wasserstoff ist der Stoff, aus dem die energiepolitischen Träume sind. Das leichte Gas hat sich als ein idealer Speicher erwiesen, der die Kraft des Wassers, des Windes oder der Sonne jederzeit verfügbar hält. Das ist für die Nutzung von regenerativen Energien nötig. Denn Mutter Natur ist launisch und liefert nur unregelmäßig.

Die problemlos transportable Speicherenergie Wasserstoff läßt sich leicht mit Hilfe von Strom herstellen. Elektroloyse heißt das Verfahren, bei dem Wasser in Sauerstoff und Wasserstoff aufgespalten wird. Wasserstoff kann Flugzeuge und Autos antreiben, Kraftwerke befeuern und Wohnungen wärmen. Und er verbrennt umweltfreundlich. Als Abfallprodukt entsteht, neben geringen Mengen Stickoxid, nur ungefährlicher Wasserdampf. Angesichts solcher Möglichkeiten geriet so mancher Umweltschützer in Verzückung. Das lange unterschätzte Gas wurde vor wenigen Jahren zum regelrechten Medienstar.

Die Grün-Alternativen runzelten dennoch mißtrauisch die Stirn, als die Waffenschmiede Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB), der Atomkraftwerksbauer Siemens und der Autohersteller BMW ihr Herz für die Sonne entdeckten und von einer Solar-Wasserstoff-Welt schwärmten. "Die solare Stromerzeugung ist das Aushängeschild", behauptet Rudi Amannsberger, energiepolitischer Mitarbeiter der grünen Fraktion im bayerischen Landtag, "tatsächlich geht es um die Umwandlung von Strom gleich welcher Herkunft in Wasserstoff." Das von dem Münchner Energieversorgungsunternehmen Bayernwerk AG initiierte Solar-Wasserstoff-Projekt in der Oberpfalz ist für Amannsberger "in Wirklichkeit der Versuch, die Rahmenbedingungen für einen weiteren Ausbau der Atomenergie zu schaffen".

Auf einem 50 000 Quadratmeter großen Gelände im bayerischen Neunburg vorm Wald entsteht eine Wasserstoff-Pilotanlage. Der Strom für die Elektrolyse soll aus Solarzellen kommen, die sich bereits im nächsten Jahr auf einer Fläche von 20 000 Quadratmetern der Sonne entgegenrecken werden. Von Kernspaltung keine Spur.

Mißtrauen erregen jedoch immer wieder die Äußerungen des stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der Bayernwerk AG. Jochen Holzer setzt auch nach Tschernobyl unbeirrt auf Atomkraft: "Diese Technik ist sehr wohl beherrschbar und weist über fortschrittliche Reaktorlinien generationenweit in die Zukunft." Folgerichtig kommt in Bayern auch der Strom zum größten Teil aus Atomkraftwerken. Und davon hat der Freistaat mehr als genug. "Wir sitzen auf einer gigantischen Überkapazität", sagt Rudi Amannsberger. In Grundremmingen wird seit 1986 jedes Wochenende die Leistung der beiden Reaktorblöcke gedrosselt, weil sich der Strom nicht absetzen läßt. Das hat allerdings nicht nur wirtschaftliche Nachteile. Auch die Sicherheit des Atomkraftwerks leidet darunter. Denn die ständigen Lastwechsel führen zu einer extremen Beanspruchung der empfindlichen Anlagenteile.

Tüchtige Betriebswirte könnten in einer solchen Situation auf die Idee kommen, die überschüssige Energie einfach in Wasserstoff umzusetzen. Bayernwerk-Vorstand Holzer hätte da keine Hemmungen: "Für mich ist noch offen, ob die Stromquelle für diesen synthetischen Energieträger in den Industrieländern solaren oder nuklearen Ursprungs sein wird." Wasserstoff könnte also fatalerweise dazu beitragen, daß sich die notwendige Abkehr von den alten Energiepfaden – die mit immer unerträglicheren Umweltproblemen verbunden sind – noch weiter verzögert.