Von Herfried Münkler

Nur wenig erinnert in der Toskana heute noch an die über einhundertzwanzig Jahre wahrende Herrschaft der Habsburger in dem oberitalienischen Großherzogtum. Das beginnt schon damit, daß die vier dem Erzhaus entstammenden Großherzoge, die in der Toskana geherrscht haben, dort nicht als Habsburger, sondern als Lothringer, Lorena, wie die Italiener sagen, bezeichnet werden – was durchaus seine Richtigkeit hat, denn der erste, der dem ausgestorbenen Geschlecht der Medici als Großherzog folgte, war von Hause aus ein Lothringer: Franz Stephan, Gemahl Maria Theresias und deutscher Kaiser, begann als Francesco II. die Reihe der, wie sie in der deutschsprachigen Historiographie bezeichnet werden, habsburgischen Großherzöge in der Toskana.

Die in Europa praktizierte Politik des Kräftegleichgewichts sowie dynastische Erwägungen hatten es erforderlich gemacht, die Lothringer von Lunéville nach Florenz zu verpflanzen. Diese Politik, die Throne mitsamt Herrschern darauf verschob wie Figuren auf dem Schachbrett, erreichte ihren Höhepunkt in der Zeit nach der Franzosischen Revolution, als Napoleon dann Ferdinand III., Großherzog der Toskana, einen Enkel Maria Theresias, zunächst nach Salzburg verpflanzte und schließlich in Wurzburg als Großherzog einsetzte, wahrend er in der Toskana, die inzwischen zum Königreich Etrurien hochgestuft worden war, zunächst die parmesischen Bourbonen als Konige einsetzte, sie dann aber wieder abzog und – inzwischen war die Toskana wieder Großherzogtum – dort seine Schwester Elisa Baciocchi-Bonaparte als Großherzogin installierte. Nach dem Wiener Kongreß freilich waren die Habsburger wieder da, um bis 1859 von Florenz aus zu herrschen.

Die Habsburger haben sich bei der Umsetzung politischer Ziele wie bei der Verwaltung des Landes fast ausschließlich auf italienische Beamte gestutzt, die sich leicht aus den besseren Florentiner Familien rekrutieren ließen. Von Widerstand gegen die "Fremden" konnte zunächst keine Rede sein. Nur im äußersten Notfall, bei Bedrohung von außen und Aufruhr im Innern, ersuchte man in Wien um den Beistand österreichischer Waffen, der dann bereitwillig, wenn auch nicht immer erfolgreich geleistet wurde. Andererseits hatte sich die in Florenz etablierte habsburgische Sekundogenitur, die Einsetzung des zweiten männlichen Erben als toskanischer Großherzog, der bei Tod und Kinderlosigkeit des ersten mannlichen Erben in die österreichischen Stammlande aufruckte, sehr schnell italianisiert. Schon Leopold, Pietro Leopoldo, wie er in Florenz hieß, ist es ganz offensichtlich schwergefallen, die Toskana zu verlassen, um in Wien das Erbe seines Bruders Joseph II. anzutreten und als deutscher Kaiser Leopold II. die Interessen des Reichs gegen das revolutionäre Frankreich zur Geltung zu bringen.

Läßt sich unter diesen Umstanden ein Thema wie "Die Habsburger in der Toskana" sinnvoll und gewinnbringend bearbeiten? Oder bleibt ein solches Vorhaben ein schlechtes Mittelding zwischen Dynastiegeschichte auf der einen und Landesgeschichte auf der anderen Seite? Tatsächlich stehen Franz Pesendorfers Arbeiten über die habsburgische Herrschaft in der Toskana, zWei voluminose Einzelstudien und eine kleinere Übersichtsdarstellung, in genau dieser Gefahr: einerseits die dynastischen und – gerade im Falle des Hauses Habsburg überaus komplexen – genealogischen Verbindungen, andererseits die Kultur-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte eines Landes, das mit dieser Dynastie zunächst nicht mehr zu tun hatte, als daß sie ihm im europäischen Machtspiel als Herrscher auferlegt worden ist.

Man wird sagen können, daß Pesendorfers Arbeiten, durchweg grundlich und sorgfaltig erstellte Studien, dort am interessantesten und ergiebigsten sind, wo er sich der landesgeschichtlichen Seite zuwendet und die vier habsburgischen Großherzoge nur zum Anlaß nimmt, sich mit der toskanischen Geschichte des 18. und 19. Jahrhunderts zu beschäftigen. Es sind Land und Leute und nicht seine Herrscher, die den roten Faden der Arbeit abgeben.

Franz Stephan selbst ist nur für drei Monate in der Toskana gewesen, die übrige Zeit seiner Großherzogschaft (1737-1765) ließ er das Land durch eine Regentschaft regieren. Er hat die Hauptprobleme des Landes, die Neuordnung des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche, die Sanierung der zerrütteten Staatsfinanzen sowie das Erfordernis einer gezielten Wirtschaftspolitik, zwar erkannt, war aber durch seine Aufgaben als Kaiser bald derart in Anspruch genommen, daß die Toskana für ihn zuletzt nicht mehr als eine Quelle seiner Apanage war.