Sein Gesicht war sehr merkwürdig, auch der stelzende Gang. Aus dem Schweizer Tonfall hatte er sich eine eckige, unangepaßte Hochsprache gezimmert, die zwang uns, jedes Wort zu merken, zu erwägen. Er war ein Weiser, ein Freak.

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Er sprach und spielte spröd. Er wollte nicht als Original geliebt werden. Er haßte die Sentimentalität dieser Liebe, ihre leichtgemachte, zu nichts verpflichtende Akzeptanz. Je höher er aber die Hürden stellte, je höher sprang die Liebe. Das hat ihn wahrscheinlich doch gefreut.

Wenn er in der Kantine saß, waren die Gespräche weniger dumm, routiniert, ungefähr. Schauspieler brauchen angeblich Lockerung zwischen ihren Auftritten. Aber es war keine Anstrengung, an seinem Tisch nicht so daherzureden wie sonst. Es befreite, mit ihm genau und heiter zu sein. Auch dem Publikum nahm er alle Dummheit, Routine. Sein fragender, heller, fremder Blick genügte, damit man sich zusammenriß. Wer ihn spielen sah, wurde vorübergehend ein besserer Mensch.

Eine Zumutung war allerdings sein Auftritt als Bote des Königs am Schluß des „Tartuffe“. Zuerst stockte er zweimal im Text, ganz kalt, unpointiert. Soviel, so wenig genügte als Zeichen dafür, daß diese endlose Lobrede auf herrscherliche Gnade, Gerechtigkeit der eingelernte Text eines Bürokraten war. Danach bot er keine einzige Geste, Kopfwendung, nicht den winzigsten Ausdruck mehr; aber man konnte von seinen Worten und Pausen nicht weghören, wegschauen. Das erschien noch als Charakteristik der furchtbaren Macht der Verknöcherung; und war schon die trotzigste Demonstration der Macht der Sprache. Die Sprache gegen den Mimus: ein gewonnener Kampf. – Im selben Jahr baute er für den Joxer in O’Caseys „Juno und der Pfau“ eine lange stumme Szene, den ruhigsten Slapstick, den ich je gesehen habe. Der Mimus gegen die Sprache: wieder ein gewonnener Kampf. Hart und stetig prüfte Klaus Steiger sich als Schauspieler, uns als Publikum.

Sein letzter Auftritt war im Januar: als Erster Totengräber im „Hamlet“. Am 4. Marz ist der Schauspieler Klaus Steiger, 69 Jahre alt, in Stuttgart gestorben, wo er auch seine letzten großen Rollen gespielt hat: in Peter Palitzschs „Juno und der Pfau“, in Axel Mantheys „Traumspiel“, als alter Immobilienhändler in „Hanglage Meerblick“. Steiger, in der Schweiz geboren, hat die Anfange seiner Karriere mit einem einzigen Satz beschrieben: „Ich war dreißig Jahre fast nur Komiker, als es dieses Fach noch gab.“ Bei Palitzsch in Frankfurt und bei Ivan Nagel in Hamburg wurde aus dem „Komiker“ dann einer der eigensinnigsten, wunderlichsten Schauspielkunstler des deutschen Theaters.

War er ein Techniker? Ja: ein Vermesser der Zeit. Hatte er Tricks? Ja: ein Zauberer der Zeit. Robert Wilson verehrte ihn wie keinen anderen.