Beispiel Orly: Die KP-Spitze bekämpft einen koalitionswilligen Genossen

Von Joachim Fritz-Vannahme

Orly, im März

Das Bund Lauch kostet fünf, das Kilo Lachs 95 Franc, die Handzettel der Parteien gibt es am Vortag der französischen Gemeindewahlen umsonst auf dem Marktplatz von Orly. Ein Dröhnen aus heiterem Himmel erinnert an den nahe gelegenen internationalen Flughafen von Paris. Doch sonst wechseln Lauch und Lachs hier den Besitzer wie einst in den stillen Tagen des alten Frankreichs. Orly, das sind bei diesem Maiwetter im März der Marktplatz neben der kleinen Kirche Saint Germain, in ihrem Schatten das Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges, gegenüber das Backstein-Rathaus, flankiert von der Grundschule, rechts die Jungen, links die Mädchen. Ostwärts ragen die Umrisse des sozialen Wohnungsbaus in den Himmel, das unschöne Profil des anderen Orly und das typische Gesicht einer Pariser Vorstadt von heute, die mit der Romantik des Kirchplatzes nichts gemein hat.

Seit einem Vierteljahrhundert müht sich Bürgermeister Gaston Viens, aus der Zone eintöniger Betonbauten und dem Winkel der Natursteinhäuschen eine einzige Gemeinde zu machen. Mit bemerkenswertem Erfolg, schließlich wählten die 30 000 Bürger von Orly den heute 64jährigen, umgänglichen Mann bereits viermal zu ihrem Bürgermeister. Am vergangenen Sonntag gaben ihm im ersten Wahlgang erneut 48 Prozent ihre Stimme. Nach dem nächsten Markttag hat er alle Chancen auf eine fünfte Amtszeit in Orly, das seit 1935, seit den Tagen der Volksfront, kommunistisch regiert wird.

"Gaston Viens natürlich" wirbt das Plakat am Laternenpfahl und zeigt einen rundlich-freundlichen Herrn mit dem roten Knöpfchen der Ehrenlegion am Revers. Der Sohn eines provençalischen Gemüsebauers kämpfte im Widerstand gegen die Deutschen und wurde ins Konzentrationslager 3uchenwald deportiert. Nach seiner Rückkehr aus 3uchenwald holte ihn der spätere Kommunistenführer Waldeck-Rochet als Agrarsekretär ins Pariser Zentralkomitee. Mitte der sechziger Jahre löste er einen Genossen als Bürgermeister von Orly ab. Eine Mustergemeinde des legendären "roten Gürtels" um das rechte Paris erhielt einen Musterkommunisten zum Stadtoberhaupt.

Doch diesmal fehlen Hammer und Sichel auf Viens’ Plakat. Vor wenigen Wochen schloß seine KP ihren aussichtsreichsten Kandidaten aus und suchte ihm die Rückkehr ins Rathaus mit einer linientreuen Konkurrenzliste zu verbauen. Diese brachte es auf über 30 Prozent und zwang den Bürgermeister in den zweiten Wahlgang, der am kommenden Wochenende stattfindet. Viens gehört zu einer Gruppe parteiinterner Kritiker um den ehemaligen Minister Marcel Rigout, die selbstkritisch die Gründe für den Niedergang der französischen Kommunisten nicht so sehr im Erstarken der Sozialisten als im Versagen des eigenen Politbüros suchen.