Von Raimund Hoghe

Sie besitze alle Attribute eines Stars – "das Unergründliche, Geheimnisvolle, Unnahbare, den Stolz, die Fähigkeit, mit einem berauschenden Auftritt alle Blicke auf sich zu ziehen", schwärmte Theater heute 1985 in einer Titelgeschichte. Nach einer Vorstellung in den Düsseldorfer Kammerspielen, wo sie kürzlich in dem Stück "Marlene" zwei Monate lang die alte Marlene Dietrich verkörperte, bemüht sie sich nicht, dem Image zu entsprechen. Abgeschminkt, in Jeans und dickem Pullover, sitzt Zazie de Paris in ihrer Garderobe, ist offen und herzlich, wartet nicht lange auf Fragen, sondern kommt gleich zur Sache: "Du hast die schlechteste Vorstellung erwischt", erklärt sie, und daß sie "Wut, Wut, Wut" habe; sie vergewissert sich schnell, daß sie Du sagen darf, meint, daß die Zuschauer keinen Humor hätten und furchtbar distanziert seien. Nicht mal die Hand, die sie als Marlene ins Publikum gehalten habe, hätte einer ergriffen – "nicht mal das".

Das Interview findet drei Wochen später statt, in Hamburg, im Haus ihres Freundes. Einen festen Wohnsitz habe sie seit zwei Jahren nicht mehr. "Ich hab’ eine Plastiktüte, die ich rumschleppe, und einen Teddybär. Und Gott sei Dank hab’ ich ein paar Freunde, wo ich wohnen kann." Ihre Wohnung in Berlin gab sie schon 1985 auf, als sie mit Peter Zadeks "Ghetto"-Inszenierung ans Deutsche Schauspielhaus nach Hamburg kam. Als Frau, die einmal Mann war, hatte sie im Haus an der Kirchenallee für Exotik zu sorgen. Nach drei Jahren fühlte sie sich nur noch als "königlich bezahlte Statistin" und "Alibi für die Toleranz dieses Theaters – guckt mal, wie schick, wir haben einen Transsexuellen im Ensemble", stellte sie zum Abschied fest. Heute sagt sie: "Was mir weh tut: die Regisseure, die ich kenne – Zadek, Bondy, Savary –, daß die mich nicht anders besetzen. Warum sollte ich nicht mal in ‚Endstation Sehnsucht‘ die Blanche spielen?"

Das Telephon unterbricht. Zazie de Paris soll im Hamburger "Macadam" für die erkrankte Romy Haag einspringen und zehn Tage lang ein Soloprogramm bestreiten. Ihre Zusage gibt sie mit gemischten Gefühlen. "Die erwarten Schönheit, Glamour, Travestie – und das ist nicht mehr meine Sache. Das ist vorbei. ‚Mann oder Frau – wer weiß das genau?‘ – das ist nicht die Frage", sagt sie, und : "Jetzt brauch’ ich nicht mehr die Federn und die ganzen Dinge. Keine Accessoires mehr. Die Falten erzählen ja auch was." Doch ein wenig Rouge auf den Wangen darf schon noch sein: "Wenn ich das machen muß, um akzeptiert zu werden, mach’ ich das." Die Grenze, bis zu der sie geht, kennt sie allerdings genau: "Meinen Stolz hab’ ich immer." Den habe sie sich auch in ihrer Zeit als Prostituierte bewahrt. "Ich hab’ mich nicht verkauft. Ich hab’ mich vermietet. Das hab’ ich für Geld gemacht. Aber Theater – Theater hab’ ich nie für Geld gemacht."

Auf dem Bildschirm läuft ein Video, ein Zusammenschnitt ihrer Auftritte in Deutschland. Anfang der siebziger Jahre war sie als "schönster Transvestit Europas" nach Berlin gekommen. "Der Mythos Berlin, das Berlin der 20er Jahre hat mich immer unheimlich fasziniert." Das Video zeigt sie in einem Berliner Café. "Das war noch die extreme Travestie-Tour. Ich mußte immer mit Federn auftreten und schulterfrei. Furchtbar – daß ich das machen mußte." Sie läßt das Video schneller laufen und mag auch den nächsten Glamourauftritt kaum ansehen. "Zu viel Manieren noch", kommentiert sie und sieht dahinter "immer Einsamkeit – hat aber keiner verstanden".

"Selbstbewußt und souverän" präsentiert sie sich bei ihrem ersten Fernsehauftritt. Für ein Kamerateam räkelt sie sich auch auf einem Bett und gibt Auskünfte, wie "Mein Vater war Kunstmaler". Aber auch das habe nicht gestimmt, bekennt sie. "Mein Vater war Arbeiter, aber das hätte sie nicht interessiert." Während weitere Stationen ihrer Travestie-Karriere über den Bildschirm flimmern, räumt sie ein: "Immerhin, die Bühnenerfahrung hab’ ich dadurch gekriegt. Hauptsache war immer, daß die Bühne da war. Die konnte einen Meter breit sein, Hauptsache Bühne." Als sie sich angetörnt und Witze machend auf einer dieser Bühnen sieht, erinnert sie sich: "Ich war zu – und keiner hat’s gemerkt. Für ein Abendessen hab’ ich das gemacht."

In einem Berliner Punk-Lokal inszeniert Zazie de Paris 1980 ihren Abschied von Glamour und Striptease. Noch einmal leuchtet im Hintergrund eine rote Tapete, glitzert Lametta wie in ihrer Wohnung. Der Striptease dauert eine Stunde. Zwischendurch singt sie zu lauter Rockmusik "Ich bin allein". Die Federn werden abgelegt – "und sechs Monate später war ich bei Zadek in Jeder stirbt für sich allein‘ mit tausendmal mehr Federn."