„Geld“ von Doris Dörrie

Eines Tages brach im Reihenhaus der Familie Müller die Anarchie aus. Mutti Müller ging schon morgens los, um eine Bank zu überfallen. Vati Muller schlich sich hinüber zur blonden Nachbarin. Und die Kinder fingen an zu saufen. Wer hat die Müllers nur so weit gebracht? Es muß wohl Doris Dörrie gewesen sein. Deutschlands erfolgreichste Filmregisseurin hat Monopoly gespielt und ist auf einer Straße gelandet, von der bislang nicht einmal erfahrene Spieler wußten: der Lindenstraße. „Geld“ spielt in einer Welt, die nur noch im Fernsehen existiert, und Doris Dörries Witze beginnen knapp unterhalb der Hemmschwelle von Mike Krüger. Der Film erzählt von Spießern (Uwe Ochsenknecht als Jürgen von der Lippe) und Yuppies (Sunnyi Melles als Computer-Gretchen), vom harten Kampf ums Überleben und von zärtlicher Liebe: „Wärst du eine Aktie, dann wurde ich all mein Geld auf dich setzen!“ Natürlich hat „Geld“ auch eine Moral: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als daß ein Reicher in den Himmel kommt.“ Wahrlich, der Humor dieses Films paßt spielend in ein Nadelohr, und wenn es unter den Zuschauern keine Kamele gibt, dann lachen ja vielleicht die Hühner.

Claudius Seidl

„Meine Stiefmutter ist ein Alien“ von Richard Benjamin

Die Außerirdischen sind längst gelandet. So etwa in den fünfziger Jahren muß das gewesen sein. Mittlerweile haben sie sich gut akklimatisiert und integriert. Nur ihre seltsamen Angewohnheiten brechen noch manchmal durch. Zum Beweis muß man nur mal die eigene Schwiegermutter eine Zeitlang beobachten, oder den Religionslehrer, oder die heiße Mieze aus dem Haus gegenüber. Das Kino, wie immer auf der Höhe seiner Zeit, bringt unsere Beobachtungen auf den Punkt: Meine Stiefmutter ist ein Alien. Natürlich haben die wenigsten eine Stiefmutter, die aussieht wie Kim Basinger. Aber die meisten haben das Glück, daß ihre Stiefmutter anders als Kim Basinger nicht von ihnen in die Freuden der Liebe eingeführt werden möchte. Man merkt schon, der Film handelt von den intimsten Träumen des Mannes. Dan Ackroyd als Wissenschaftler, der nicht viel mitkriegt vom Leben, hat also Glück. Mit dem Regisseur Richard Benjamin allerdings weniger. Der verhält sich zu seinem Stoff etwa so wie meine Schwiegermutter zu mir. Michael Althen

„Gekauftes Glück“ von Urs Odermatt

Der Berg ruft – und das Bauerntheater ist schon da. Selbst auf den steilsten Hängen findet sich noch Platz für ein Komödienstadel, und weil man dort oben recht dünne Luft atmet, geht auch den Scherzen schnell die Luft aus. „Gekauftes Glück“ spielt weit hinten in den Schweizer Bergen, wo die Männer knarzig sind und die Frauen fromm, wo die Kirche noch im Dorf steht und man die Kinematographie allenfalls vom Hörensagen kennt. Urs Odermatt benutzt die Kamera wie eine Melkmaschine: Er saugt den letzten Tropfen Leben aus den Bildern, und seine Dialoge stampfen selbst die härtesten Szenen butterweich. Held des Films ist ein Schweizer namens Windleter (Wolfram Berger), der eine Frau sucht für seinen Bergbauernhof, und weil er im ganzen Kanton keine findet, bestellt er sich einfach eine Braut in Thailand. Fortan fragen sich die Dörfler, ob es auf der Alm doch eine Sünde gibt. Und der Film fragt sich, ob er Schwank sein will oder Drama. Und der Zuschauer fragt sich, wie dieser Film zu seinem Titel kommt: „Gekauftes Glück“ – das bezieht sich jedenfalls nicht auf den Erwerb einer Kinokarte. Claudius Seidl