Inserviendo consumor – Bismarcks Devise hätte auch auf John J. McCloy gepaßt: Im Dienste verzehr’ ich mich. Seinem Lande hat der Amerikaner auf vielerlei Posten gedient: im Kriegsministerium, als US-Hochkommissar in Deutschland, als Weltbankpräsident, Chairman der Ford-Stiftung, Chef der Chase Manhattan Bank, Präsident des Council on Foreign Relations oder des American Council on Germany. Oder einfach als New Yorker Anwalt, der vielen Präsidenten seinen Rat lieh und diplomatische Sonderaufträge für sie übernahm. Am Ende galt er als Verkörperung des Ostküsten-Establishments.

Sein Weg nach oben führte auch durch dunkles Gelände. Im Zweiten Weltkrieg war McCloy verantwortlich für die Internierung von 110 000 US-Bürgern japanischer Herkunft. Auch lehnte er es 1944 ab, die Bahnlinien nach Auschwitz und die Gaskammern dort zu bombardieren; der Einsatz der Bomberflotte gegen kriegswichtige Rüstungsbetriebe erschien ihm wichtiger.

Beides war nicht typisch für ihn. Später tat er viel für die Überlebenden des Holocaust und für Israel; er verhinderte persönlich die Zerstörung von Rothenburg o.T.; er war vielen Deutschen nach dem Kriege ein guter Geist.

In Deutschland hat er nach 1945 Geschichte gemacht: europäische Geschichte, denn Jean Monnet war sein Freund, aber auch deutsche Geschichte. Ihm ist es nicht zuletzt zu verdanken, daß Deutschland nicht – wie es der Morgenthau-Plan vorsah – in einen Kartoffelacker verwandelt wurde. Und er hatte wesentlichen Anteil daran, daß wenigstens den Westdeutschen in den Jahren des Kalten Krieges die Chance der Freiheit erhalten blieb.

Bis zuletzt hat John McCloy an den deutschen Dingen regen Anteil genommen. Im Alter von 93 Jahren ist er jetzt gestorben. Th. S.