ARD, Freitag, 24. März, 20.15 Uhr: „Der Weg nach Lourdes“, Fernsehfilm von Herbert Reinecker (Buch) und Peter Deutsch (Regie)

Zwei Frauen auf einer französischen Landstraße, die eine im Rollstuhl, die andere schiebend. Autos überholen und kommen entgegen; die beiden Fußgänger stören die Autos, und sie stören das gewohnte Bild der Landstraße, auf der Fußgänger nichts zu suchen haben. Die beiden Frauen aber wollen zu Fuß ganz Frankreich durchwandern und sind auf die Autowege angewiesen. Sie gehen nicht spazieren, sie haben ein Ziel, das tausend Kilometer entfernte Lourdes.

Zwei freundliche Lastwagenfahrer halten und bieten ihre Hilfe an. Aber da ist nichts zu helfen, und wie soll man sich erklären, ohne sich lächerlich zu machen? Schon auf den ersten Kilometern ihres Weges müssen die Frauen ihr absonderliches Vorhaben gegenüber Fremden verteidigen – und nun merken sie erst, wie verrückt ihre Idee ist, wie allein sie damit sind. „Gehen Sie doch, wir brauchen Ihre Hilfe nicht!“ Die eine reagiert aggressiv, die andere depressiv, beide haben sie nicht den Mut, von ihrem heiligen Schwur zu reden und ihrem Glauben an ein Wunder.

Gegenüber den beiden hilfsbereiten Franzosen spüren sie plötzlich, wie weit sie sich vom „gesunden Menschenverstand“ entfernt haben mit ihrer fixen Idee. Sie spüren sehr wohl, wie lächerlich sie sind als Pilger im Europa des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts.

Die Bilder sind eindrucksvoll: Wie die beiden Frauen sich durchs Zentralmassiv quälen, auf engen Gebirgspässen, vom Verkehr umbrandet. Wie sie das Irrsinnige tun, das ja nur das Ungewohnte ist, und es mit einer Hartnäckigkeit tun, die ihnen Recht gibt, mit jedem Tag mehr. Wie der Mann, der als Quartiermeister mitgekommen ist, mit seinem Auto nebenhertuckert und so offenbar schlechter dran ist als die beiden, die „mit den Füßen leben“. Wie er die „irrsinnige Rennerei“ immer wieder abbrechen will, wie er sich mit seinen vernünftigen Argumenten lächerlich macht vor der Kraft, die den beiden Frauen inzwischen zugewachsen ist.

Sie selbst sind in diesem gläubigen Gefühl ungeübt, und auch die Filmemacher sind ungeübt, damit ohne Klischeevorstellungen umzugehen. Der Film ist also ein ebensolches Wagnis wie das der beiden Frauen – der Gehversuch auf einem mit Vorurteilen und Ressentiments verbauten Feld.

Was ist das – Glauben? Wozu sind glaubende (nicht „gläubige“) Menschen fähig, worum werden sie von den „vernünftigen“ beneidet? Es ist ein Verdienst des Films, diese Fragen außerhalb des Kirchenfunks zu stellen. Doch wie der Gehversuch des kranken Mädchens nach der Wunderheilung scheitert und sie auch künftig ihre Krücken braucht, so kommt auch der Film nicht ohne Krücken aus. Er kann das menschliche Bedürfnis zu glauben nicht als etwas Normales zeigen, es erscheint als letzte Zuflucht einer unheilbar Kranken.