Im Memmminger Landgericht wird weiterverhandelt, auch wenn der Prozeß gegen den Arzt Horst Theissen, der Frauen zur Abtreibung verholfen hat, spätestens seit Montag geplatzt sein müßte. Denn wer mag diesem Gericht noch Glauben schenken, daß es Recht suche? Einer der drei Richter mußte jetzt sein Amt wegen Befangenheit niederlegen. Gleich einem Inquisitor hat er bei den Zeuginnen nach Motiven geforscht; als Notlage galt ihm offenbar nur äußerste Armut – aber nein, nicht mal das: Ob denn auch Adoption oder Heimunterbringung erwogen worden sei, wollte er immer wieder wissen. Und nun stellt sich heraus: Der junge Richter selbst und seine Freundin haben auch abtreiben lassen. Der Richter heißt nicht Adam, sondern Detlef O.

Doch schon vor dieser bitteren Pointe war der Prozeß ein Skandal. Da wurden Frauen an den Pranger gestellt und verurteilt, ebenso ihre Freunde und Männer, da wird planmäßig die Existenz eines Arztes ruiniert, der diesen Frauen in ärgster Not geholfen hat – illegal unter dem Druck bayerischen Sonderrechts und katholischer Moral. Immer deutlicher wurde auch: Hier läuft ein Schauprozeß zwecks flächendeckender Abschreckung, hier läßt sich die Justiz willfährig für politische Zwecke mißbrauchen. Was die CSU und die Fundamentalisten der Schwesterpartei nicht schaffen, das soll in Memmingen durchgesetzt werden: Die Verschärfung des Paragraphen 218, die Abschaffung der Notlagenindikation.

Eine Notlage war der Freundin des Richters bescheinigt worden, man hatte ihre persönliche, sicher schwierige Entscheidung respektiert. Das ist gut so. Und wie sich ihr Freund verhalten hat – auf Abtreibung drängend offenbar –, das muß er mit seinem Gewissen abmachen. Denn das Gewissen, die persönliche Verantwortung sind letztlich die einzigen Prüfungen, die zählen. Vielleicht lehrt uns Memmingen auch dies: Das Strafrecht in der Abtreibungsfrage zu bemühen, kann nur in abgrundtiefer Heuchelei enden. mg